Rezension: Über Taktiken biowissenschaftlicher Klassifizierung

Systeme der rassistischen Klassifizierung von Menschen spielen in den aktuellen Biowissenschaften eine größere Rolle, als es die internationale Ächtung der Kategorie „Rasse“ nach dem Zweiten Weltkrieg vermuten lässt. 

Buchcover mit dem Titel 'THE ORDER OF PEOPLE' und den Herausgebernamen Nils Ellebrecht, Tino Plümecke, Isabelle Bartram, Veronika Lipphardt, Jenny Reardon, Andrea zur Nieden

Ellebrecht, N. et al. (2025): The Order of People. Contesting Bio-Scientific Human Classifications

Ordnungssysteme wie „Ethnizität“ oder „biogeographische Herkunft“ fungieren oft als Platzhalter, die in Laboren, Kommerz oder Strafverfolgung dennoch rassistische Zuschreibungen fortschreiben. Aber auch längst überholt gedachte Rassekategorien wie „kaukasisch“ oder „afrikanisch“ werden weiter in genomischer Big-Data-Forschung herangezogen, um Differenzierungslinien in die globale Menschheit einzuschreiben. Schließlich ändert auch das Gerede von graduellen Differenzen, Mischungsraten oder Clustern statt eindeutiger Zuordnungen prinzipiell nichts am kategorisierenden Denken. Ein interdisziplinäres Forschungsteam hat nun einen höchst interessanten Sammelband in englischer Sprache vorgelegt, um dem Phänomen dieser „postracial racialization“ in vielfältigen transnationalen Kontexten nachzugehen: von Biomedizin über kommerzielle Ancestry-Test-Anbieter*innen bis zur forensischen Verwendung von DNA-Daten. In der Einleitung erläutern die Herausgeber*innen ihr Anliegen: Sie hinterfragen den heute allgemein geteilten Verweis auf „Rasse“ als soziale Konstruktion als nicht ausreichend, um die rassistische Unterscheidung von Menschen zu unterbinden. Gleichzeitig wollen sie kein Zurück zu einem alten Rassismus konstatieren. Vielmehr gehe es darum, den komplexen, situativ unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Taktiken der biowissenschaftlichen Klassifizierung nachzugehen. Dies ändere aber nichts daran, dass solche sich immer wieder ändernden Unterscheidungsmuster niemals neutral, sondern „Sites of Power“, sprich Orte der Machtausübung, sind.

Ellebrecht, N. et al. (2025): The Order of People. Contesting Bio-Scientific Human Classifications. transcript, Englisch, 348 Seiten, Print: 39,- Euro, kostenloses PDF, ISBN: 978-3-8376-7237-4.

Erschienen in
GID-Ausgabe
276
vom Februar 2026
Seite 20

Dr. Susanne Schultz ist Soziologin an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Sie forscht zu Macht- und Herrschaftsverhältnissen rund um Reproduktion, Humangenetik und Bevölkerungspolitik.

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