Rezension: Schöne neue Reproduktion
In Industriestaaten steigen die Zahlen assistierter Reproduktion, die Entwicklung und Anwendung technischer Kontroll- und Selektionsverfahren nehmen zu und Forschungsprojekte zu „künstlichen Gebärmüttern“ werden vorangetrieben.
Murata, S. (2025): Schwindende Welt.
So könnte die deutsche Übersetzung des Romans „Schwindende Welt“ der Erfolgsautorin Suyaka Murata auch zehn Jahre nach dessen Veröffentlichung auf Japanisch aktueller kaum sein. Murata konstruiert eine in Japan verortete Zukunftsfiktion, die völlig abwegig und zugleich erschreckend realitätsnah erscheint. Leser*innen begleiten die Ich-Erzählerin Amane durch eine Welt, in der Ehe und Familie nur noch als platonische Zweckgemeinschaft fungieren. Sexualität wird kaum noch in Verbindung mit anderen gelebt. Die meisten Menschen verlieben sich – wenn überhaupt – in Manga- und Anime-Figuren. Durch den standardisierten Einsatz von Verhütungsimplantaten wird sichergestellt, dass Schwangerschaften ausschließlich medizinisch assistiert und zum gewünschten Zeitpunkt eintreten. In vielen eingängig geschriebenen Dialogen schildert die Autorin die Ansichten der Figuren, eingebettet in eine weiterhin leistungsorientierte und heteronormative Gesellschaft. Wer sich auf Muratas Gedankenexperimente und Erzählart einlässt, kann Amane in ihrer Auseinandersetzung mit den immer extremer werdenden Umwälzungen staatlicher und gesellschaftlicher Organisierung von Sexualität, Schwangerschaft und Elternschaft begleiten. Insbesondere die verstörende Eskalation Technologie-gestützter Kontrolle von Fortpflanzung und Care-Arbeit in der Versuchsstadt „Experimenta“ im letzten Teil des Buchs regt zum kritischen Nachdenken über Reproduktionstechnologien, aber auch über gesellschaftliche Normen von Liebe, Sexualität und Familie an.
Murata, S. (2025): Schwindende Welt. aufbau, 267 Seiten, 24,- Euro, ISBN: 978-3-351-04244-8.
Taleo Stüwe ist Mediziner*in und Mitarbeiter*in des GeN.