Die Moral der evolutionspsychologischen Geschichte

Ein Buch von Susan McKinnon

In ihrem Buch „Neo-liberal Genetics" analysiert Susan McKinnon, wie anthropologische Studien von der Evolutionspsychologie (EP) selektiv ausgewählt und interpretiert werden, um den kulturübergreifenden Anspruch ihrer Hypothesen zu verteidigen. Darüber hinaus ist es eine brillant formulierte Studie darüber, wie sich ein ethnozentrischer Blick und kapitalistische Wertvorstellungen in den Spekulationen der EP wiederfinden.

GID: Was motivierte Sie, das Buch „Neo-liberal Genetics“ zu schreiben?


Susan Mc Kinnon: In den 1990er Jahren stieß ich in den US-amerikanischen öffentlichen Medien erstmals auf Evolutionäre Psychologie. Wissenschaftsredakteure in geachteten amerikanischen Mainstream-Zeitungen und -Zeitschriften publizierten bereitwillig und ohne jede kritische Perspektive die Erzählungen über Geschlechter, Verwandtschaft und Heirat, die evolutionäre Psychologen in dieser Zeit erschufen. Für jemanden mit anthropologischen Kenntnissen von der kulturellen Verschiedenheit der Auffassungen und Praktiken in Bezug auf diese Dinge erschienen diese Erzählungen absolut absurd und ethnozentrisch. Aber es war offensichtlich, dass die reduktionistischen Erzählungen der evolutionären Psychologen - die, wie ich es begreife, kulturell geprägte Vorannahmen über Geschlechter in die ferne evolutionäre Vergangenheit projizieren - mit dem in Amerika vorherrschenden Bild von der Welt harmonierten. Bald wurden diese Erzählungen dazu genutzt, um eine breite Palette menschlichen Verhaltens zu erklären. Als Anthropologin, die ihr Leben damit verbracht hat, Geschlecht, Verwandtschaft und Heirat zu studieren, fühlte ich mich verpflichtet, eine Kritik der EP zu schreiben, die sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch für Spezialisten zugänglich ist. Die Ziele, die ich mit „Neo-liberal Genetics“ verfolgte, waren erstens, das ausgedehnte Wissen der Anthropologie in Bezug auf die Komplexität und Variabilität menschlichen Umgangs mit Geschlecht, Verwandtschaft und Heirat zu mobilisieren, um den reduktionistischen Behauptungen der EP etwas entgegenzusetzen. Zweitens hoffte ich, die Aufmerksamkeit auf die radikal anderen Theorien von Bewusstsein und Kultur zu lenken, die die Grundlagen der kulturellen Anthropologie im Kontrast zur EP bilden. Und die Konsequenzen zu verfolgen, die diese Theorien in Bezug darauf haben, kulturell verschiedene Auffassungen von der Dynamik sozialer Beziehungen zu verstehen und als eigenständig zu respektieren. Drittens schienen mir die Erzählungen der EP eine wunderbare Gelegenheit, die kulturelle Macht wissenschaftlicher Autorität zu erforschen. Wie konnten Forscher, die Vögel und Insekten studieren, ohne Wissen über menschliche kulturelle Variabilität die wissenschaftliche Autorität beanspruchen, über menschliche soziale Beziehungen zu sprechen? Welche rhetorischen Strategien, Beweisführungen, methodischen Ansätze wenden diese Gelehrten an, um ihre Erzählungen von menschlichen Universalwahrheiten zu erschaffen? Letztendlich ist „Neo-liberal Genetics“ eine Studie über die Art und Weise, wie - unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Autorität - durch die Naturalisierung dominanter Werte der eigenen Kultur als menschliche Universalwerte die reichhaltigen Belege menschlicher Kreativität und kultureller Diversität in der Welt ausgeblendet werden. Diese Auslöschung führt zu einer bedenklichen Einschränkung jener Fragen, die über das Mensch-Sein an sich gestellt werden können.

Erschienen in
GID-Ausgabe
206
vom Juli 2011
Seite 6

Susan McKinnon ist Professorin für Anthropologie an der University of Virginia und Autorin.

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