Fortschrittsglaube als Motor

Viele Wissenschaftler*innen loben neue Gentechnikverfahren über den grünen Klee – das gilt insbesondere für die CRISPR-Technik. Auch in der aktuellen Debatte über den Klimawandel werden die neuen Gentechniken in Stellung gebracht, um in der Zukunft eine klimaverträgliche Landwirtschaft zu ermöglichen.

Holger Puchta, Molekularbiologe und Gentechniker am Karlsruher Institut für Technologie, sagte im August dieses Jahres in einem Interview im Deutschlandfunk Kultur: „Diese neuen [Gen-]Technologien geben uns die Möglichkeit, das [zum Beispiel Pflanzen, die sich gegenüber Hitze oder gegenüber Salzstress wehren] sehr, sehr schnell zu erreichen. Mit der klassischen Züchtung bräuchte man da vielleicht 50 Jahre für.“ Und weiter: „Hier [mit den neuen Gentechniken] können wir das in ein, zwei Pflanzengenerationen erreichen. Natürlich muss das Material noch vermehrt werden.“

Interessanterweise bringt der Wissenschaftler in dem halbstündigen Interview kein einziges konkretes Beispiel. Er verdeutlicht nicht, was mit CRISPR oder vergleichbaren Gentechnik-Werkzeugen schon heute möglich ist. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Versuche oft noch sehr in den Kinderschuhen stecken. Zwar arbeiten Forscher*innen und Entwickler*innen daran, zum Beispiel die Trockentoleranz von Pflanzen zu verbessern, bisher ist jedoch keine dieser Pflanzen auf dem Markt. Unabhängige Studien, die das Funktionieren klimarelevanter Anpassungen von neu entwickelten CRISPR-Pflanzen unterstützen, sind rar. Und selbst der Blick in die Veröffentlichungen von Unternehmen zeigt, dass für die kommenden Jahre nicht mit einer Flut derartiger Pflanzen zu rechnen ist.

Nichtsdestotrotz ist der Beitrag – das verschriftlichte Puchta-Interview – auf den Internetseiten von Deutschlandfunk Kultur mit „Gentechnik und Klimawandel“ überschrieben. Über Puchta lernen wir daraus: "Also, ich bin natürlich als Wissenschaftler jemand, der an den wissenschaftlichen Fortschritt glaubt." Auf der Basis dieses Glaubens ist Puchta offenbar der Meinung, dass mit den neuen Gentechnik-Werkzeugen Lösungen für Probleme gefunden werden können, die mit dem Klimawandel zusammenhängen – mehr aber auch nicht. Mit wissenschaftlicher Bewertung hat das nichts zu tun. 

Die Radiohörer*innen – beziehungsweise Leser*innen – sollen glauben, dass die Techniken helfen werden. Der Bezug zwischen Klimawandel und neuen Gentechnikverfahren ist eine wichtige Komponente in der Strategie gegen eine strikte Regulierung von CRISPR und Co. Im vergangenen Jahr hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass viele der unter dem Stichwort neue Gentechnikverfahren zusammengefassten Techniken mit dem europäischen Gentechnikrecht reguliert werden müssen (Aktenzeichen C-528/16 des Europäischen Gerichtshofes). Das Urteil ist nicht nur den Gentechnik befürwortenden Wissenschaftler*innen ein Dorn im Auge. Auch Vertreter*innen von Unternehmen – insbesondere der großen Agrarunternehmen wie Bayer oder BASF – argumentieren, dass die Regulierung der neuen Gentechniken unter dem Gentechnikrecht deren Nutzung im Kontext des sich verändernden Klimas im Wege stünde. Die Logik ist wie folgt: Die Gentechnik in der Landwirtschaft bekomme in Europa wegen der Opposition der Bevölkerung keine Chance, egal wie gut die Ideen in den Pflanzen sind.

Auf eine derartige Argumentation aber dürfen weder Bevölkerung noch Entscheidungsträger*innen reinfallen. Aus dem Urteil des EuGH geht klar hervor, dass auch die Nutzung neuer Gentechnikverfahren Risiken mit sich bringen kann. Entsprechend sei die Regulierung auf der Basis des Vorsorgeprinzips angezeigt. 
Mit der Regulierung gehen Rechte für Verbraucher*innen und Verbände einher, sich an den Zulassungsverfahren zu beteiligen. So erst kann die breite Öffentlichkeit erfahren, welche gentechnisch veränderten Pflanzen von den Unternehmen für den Markt vorgesehen sind. Auch eine Kennzeichnung der gentechnisch veränderten Produkte wird mit dem Gentechnikrecht gewährleistet. Nur so können Menschen, die sich gentechnikfrei ernähren wollen, diese Wahlfreiheit nutzen.

Nach der Wahl zum neuen Europaparlament im Mai und der gerade laufenden Neubesetzung der Europäischen Kommission unter Leitung von Ursula von der Leyen (CDU) wird es wahrscheinlich ab November in Brüssel, wie auch den Hauptstädten der EU-Mitgliedstaaten darum gehen, die bestehende Gentechnikregulierung und deren Anwendung auf die neuen Gentechnikverfahren zu verteidigen. Dafür muss die Bewegung für eine gentechnikfreie Land- und Lebensmittelwirtschaft auf der Hut sein.

Christof Potthof ist Mitarbeiter im Gen-ethischen Netzwerk und Redakteur des GID.

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21. August 2019

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