Gentechnisch verändert - oder nicht?
AKTIONS-SPECIAL
Die Untersuchung von gentechnisch veränderten Pflanzen ist in manchen Fällen so einfach wie ein Schwangerschaftstest - und nicht minder aufregend! Ein Blatt abgerupft, ein bisschen vorbereitete Flüssigkeit dazugegeben, etwas zerstampfen, den Teststrip in die Matsche halten und dann warten. Das ist alles. Das Ergebnis ist an einer verfärbten Stelle des Strips erkennbar. Die Pflanze, von der das Blatt genommen wurde, ist gentechnisch verändert (gv) oder nicht.So wurde zum Beispiel der in Deutschland in den Jahren 2005 bis 2008 angebaute Bt-Mais MON810 untersucht - das kann jedeR AktivistIn und es ist auch im Einzelfall nicht besonders kostspielig: Ein einzelner Strip, das heißt ein Test, kostet im Schnitt etwa fünf Euro (ohne Gewähr). In diesem Fall wurde auf das Gift getestet, das in dem Mais produziert wird. Aber leider gilt das nicht für alle gv-Pflanzen. Die Probleme bei der Suche können vielfältig sein. Zum Beispiel wenn, wie in diesem Frühjahr, mit gv-Material verunreinigtes Saatgut auf den Markt und auf die Felder kommt. Das hat zur Folge, dass nicht jede Pflanze auf dem entsprechenden Acker gentechnisch verändert ist. In diesem Fall wäre es bis zu einer bestimmten Grenze möglich, aus mehreren Pflanzen Sammelproben zu erstellen, diese also zu einer Matsche zu verarbeiten und dann zu untersuchen. Wegen fehlender Empfindlichkeit der Teststrips lässt sich dieses Verfahren allerdings nicht unbegrenzt durchführen - zudem ist das Ergebnis nicht immer zufriedenstellend. Um auf die Analogie mit dem Schwangerschaftstest zurückzukommen: Meine oder deine oder seine Frau ist schwanger ... oder nur zwei ... oder alle drei ... Aber einen ersten Hinweis können solche Tests liefern - und diesem müsste in der Folge gegebenenfalls nachgegangen werden. Alternativ muss ein kompliziertes Probennahmesystem befolgt, gegebenenfalls noch entwickelt werden: Wie viele Proben müssen je Hektar oder LKW genommen werden?
Unkontrollierbarer Durchwuchs
Eine andere Schwierigkeit kann sein, dass die Verdachtsmomente eher vage sind: Zum Beispiel bei der Suche nach gv-Raps, der sich nach einem Freisetzungsversuch selbstständig gemacht hat. Es ist bekannt, dass dies passiert ist - Durchwuchs, das heißt das Wiederauskeimen von auf dem Feld verbliebenen Samen in den Folgejahren nach dem Ende eines Freisetzungsversuchs ist ein bekanntes Phänomen. Manche Unternehmen berichten von bis zu acht Jahren Nachbeobachtung. In der Praxis wird eine solche Nachbeobachtung eines Freisetzungsversuches beendet, wenn es in einem Jahr keinen Nachweis von gv-Pflanzen gibt. Dabei gibt es mindestens zwei Unwägbarkeiten, die in der Vergangenheit nicht ausreichend bedient worden sind: Erstens können die Rapssamen vermutlich bis zu zwanzig Jahre im Boden überdauern, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren. Ist es so sicher, dass der Durchwuchs mit den gv-Linien nicht nach einem Jahr Pause weitergeht? Es ist zudem alles andere als sicher, dass es für alle gentechnisch veränderten Pflanzen überhaupt die praktischen Teststrips gibt. Denn die Firmen und Forschungsinstitutionen mauern, und geben ihre Daten, die zur Herstellung solcher Tests notwendig wären, nur ungern oder gar nicht heraus. Gibt es einen solchen Test nicht, können aufwendige Laboruntersuchungen notwendig sein, um festzustellen, ob gentechnisch veränderte Organismen im Spiel sind oder nicht. Diese können schnell mehrere hundert Euro kosten.
Illegaler Anbau
llse Lass von der regionalen Initiative „Müritzregion - gentechnikfrei“ wundert sich, dass nur auf dem ehemaligen Feld selbst und in einer Umgebung von zehn Metern nach gentechnisch veränderten Rapsflanzen gesucht wurde. Die Biologin hat sich durch die Akten eines alten Freisetzungsversuches „gefressen“, der vor Jahren in ihrer Gegend durchgeführt worden war, und ist erstaunt: „Dabei ist doch bekannt, dass sich der Rapssamen weiter verbreiten kann.“ Die eigentliche Baustelle der Bürgerinitiative ist die Beobachtung des Amflora-Anbaus durch die BASF. Denn das einzige Feld mit gentechnisch veränderten Kartoffeln in Deutschland liegt vor ihrer Haustür in Zepkow, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Seit Jahren appellieren sie an verantwortliche Behörden und Stärkefabriken. Sie machen die Medien auf Ungereimtheiten aufmerksam, wie zum Beispiel, als der Bauer im Jahre 2007 auf einem nicht genehmigtem Acker, immerhin 20 Hektar (!), illegal gentechnisch veränderte Kartoffeln gepflanzt hatte. Die wichtigste Frage, die sie sich stellt, ist, wer eigentlich diese Arbeit, die Kontrolle der Gentech-Bauern und -Konzerne, übernehmen würde, wenn sie sich selbst nicht kümmern würden. Denn laut amtlicher Auskunft setzt das Amt zuerst auf Vertrauen gegenüber den Eigenkontrollen der Betreiber und Anbauer, nicht vorrangig auf kritische Kontrollpflicht vor Ort als Hauptaufgabe einer Überwachungsbehörde.
Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.
AKTIONS-SPECIAL Ein Wunderspray für Aktivisten (Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg)
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