Die Suche nach der „richtigen” Geschichte
Interview mit Brigitte Röder
Der „evolutionäre Blick“ auf den Menschen, wie er etwa von der evolutionären Psychologie propagiert wird, arbeitet mit Bildern davon, wie die „natürliche“ Umgebung des Menschen inklusive Sozialstruktur ausgesehen haben soll . Was können wir darüber wissen und was sagen die verwendeten Bilder über die Perspektive aus, mit der diese Forschung betrieben wird?
Eines der Grundkonzepte der Evolutionären Psychologie (EP) betrifft die Umwelt, in der sich die Entwicklung des Menschen vollzogen hat, die sogenannte Umwelt der evolutionären Angepasstheit. Von dieser ausgehend werden evolutionsbezogene Hypothesen entwickelt. Was weiß man über das Leben der Steinzeitmenschen, ihre Umwelt, ihr soziales Leben, vielleicht auch über das Leben der Geschlechter?
Die EP geht hauptsächlich von der Zeit aus, als die Menschen vom Jagen und Sammeln lebten, also der Altsteinzeit, die rund zweieinhalb Millionen Jahre dauerte. Diese Zeit entspricht 99 Prozent der Menschheitsgeschichte. Man muss sich einmal klar machen, wie groß die Zeiträume sind, für die letztlich jegliche Entwicklung negiert wird. Eine wichtige Rolle spielt die Frage, wer eigentlich gesammelt und gejagt hat. Die EP baut viele ihrer Argumentationen darauf auf, dass sie sagt, Frauen hätten gesammelt und Männer hätten gejagt. Das entspricht natürlich unserem Stereotyp von Frauen- und von Männerrollen: dass die Männer die Ernährer sind und Frauen weniger zum Haushaltseinkommen beitragen und sich um die Kinder und den Haushalt kümmern. Moderne Geschlechterstereotype werden ohne handfeste Daten auf die Altsteinzeit übertragen.
Was gibt es denn an handfesten Daten?
Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Fossilien es für diese 2,5 Millionen Jahren gibt, dann sind das herzlich wenige. Deshalb ist es schon außerordentlich schwierig, für frühe Menschenformen festzustellen, ob es überhaupt einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus gab. Ob und wie stark männliche und weibliche Skelette beziehungsweise Körper sich durch Robustizität oder körperliche Kraft unterschieden haben, ist für manche Menschenarten also noch nicht definitiv geklärt. Das heißt: Insgesamt haben wir eine äußerst dünne Datengrundlage, die kaum Erkenntnisse über Geschlechterrollen erlaubt. Bei den Aussagen zu diesem Thema handelt es sich deshalb meist um allgemeine soziobiologische Konzepte oder um Übertragungen aus der Primatenforschung. Für den anatomisch modernen Menschen, der in Europa vor rund 40.000 Jahren auftauchte, ist die Datenbasis besser. Ein Ansatz, etwas über Männer- und Frauenrollen herauszufinden, sind Verletzungsmuster - also Knochenbrüche, die durch Unfälle und Einwirkungen von Gewalt erfolgten - sowie Abnutzungserscheinungen und Muskelmarken, die entstehen, wenn bestimmte Tätigkeiten immer wieder ausgeübt werden. Die wenigen Daten, die wir bis jetzt haben, lassen keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Skeletten erkennen. Erst mit dem Übergang zur Landwirtschaft scheinen ausgeprägte geschlechtsspezifische Aktivitätsmuster, das heißt Arbeitsteilung, zu entstehen.
Wann war das ungefähr?
Das war in Mitteleuropa etwa um die Mitte des sechsten Jahrtausends vor Christus. Die bäuerliche Lebensweise ist also eine recht junge Erscheinung. Ab da können wir, zumindest für manche Kulturen, eine Tendenz zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ausmachen. Für spätere Zeiten gibt es dann klare Belege. Als Fallbeispiel ist hier das eisenzeitliche Gräberfeld von Hallstatt zu nennen, das in der Nähe eines urgeschichtlichen Salzbergwerks liegt. Anhand der Aktivitätsmuster und Abnutzungserscheinungen, die an den Skeletten festzustellen sind, konnte man eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung rekonstruieren: Die Menschen, die auf dem Friedhof bestattet sind, haben im Bergwerk gearbeitet. Die Männer haben das Salz geschlagen, und die Frauen haben das Salz aus dem Berg herausgetragen.1 Also: Je jünger die Zeiten, desto bessere Daten haben wir. Aber gerade für die Zeit, mit der die Evolutionäre Psychologie argumentiert, gibt es sehr wenige Daten.
Kann man sagen, dass heutige Konzepte auf diese Zeit projiziert werden?
Ja, und auch ältere soziobiologische Konzepte, die sich hauptsächlich um die biologische Reproduktion drehen. Bezüglich der Investition für die Fortpflanzung wird gesagt, dass Männer ein kurzes Investment haben, Frauen dagegen ein sehr langes. Außerdem wird argumentiert, dass Frauen durch Schwangerschaften und Kinderbetreuung ortsgebunden seien, Männer hingegen nicht. Aus solchen soziobiologischen Konzepten werden Schlussfolgerungen im Hinblick auf die sozialen Verhältnisse in der Urgeschichte gezogen - zum Beispiel, dass Männer jagten und sehr mobil waren, während Frauen sammelten, und ihr Aktionsradius auf die nähere Umgebung des Wohnplatzes beschränkt gewesen sei. Dass diese Interpretation gar nicht auf archäologischen oder anthropologischen Daten, sondern auf der Übernahme soziobiologischer Konzepte beruht, geht in der Folge meist unter. So kommt es zu einem Disziplinen-übergreifenden Zirkelschluss.
Gibt es auch Uminterpretationen etwa folgender Art: Wenn in Männergräbern Beigaben gefunden werden, werden diese als Waffen interpretiert, in Frauengräbern deutet man diese eher als Werkzeuge oder Schmuck?
Es gibt in der Archäologie eine große Tendenz zum sogenannten Gendering, also zur Vergeschlechtlichung von Beigaben. Das heißt, dass unsere Geschlechterstereotypen auf die Beigaben projiziert werden. Deswegen machen Waffen, die in Frauengräbern gefunden werden, gewisse Probleme. In solchen Fällen werden häufig Zweifel an der anthropologischen Geschlechtsbestimmung angemeldet: Selbst bei sehr guter Erhaltung der Skelette gibt es bei der Geschlechtsbestimmung eine Fehlerquote von rund fünf Prozent, auf die verwiesen wird, um den Fall wegdiskutieren zu können. Inzwischen gibt es in der Forschung aber auch andere Ansätze, um solche vermeintlichen Widersprüche zwischen Beigaben und Geschlecht des beziehungsweise der Bestatteten aufzulösen: Man überlegt, ob es neben Männern und Frauen weitere kulturelle Geschlechter gab, oder zieht auch Trans- und Intersexualität in Betracht. Auch das Phänomen des rituellen Geschlechterwechsels, das aus traditionalen Gesellschaften bekannt ist, könnte eine Erklärung sein. Allerdings ist festzuhalten, dass diese Beigabendiskussion für den Zeitraum, auf den sich die EP bezieht, keine Rolle spielt. Die ältesten Belege für Beigaben stammen aus Neandertaler-Gräbern. Diese sind jedoch nicht geschlechtsspezifisch, sondern eher individuell. Teilweise wurde Schmuck beigegeben, teilweise wurden die Toten mit Ocker bestreut, was vielleicht eine religiöse Bedeutung hatte. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass die Neandertaler im Bestattungskult zwischen Frauen und Männern unterschieden hätten. Die Frage, ob sie das im Alltagsleben getan haben, ist damit freilich nicht beantwortet.
Weshalb geht man davon aus, dass das Alltagsleben in der Altsteinzeit für heutige soziale Verhältnisse von so großer Bedeutung ist?
Das frage ich mich auch. Meines Erachtens sollte man verstärkt die drastischen Veränderungen der Lebensweise in die Überlegungen einbeziehen, die sich in der Menschheitsgeschichte durch den Übergang zu Ackerbau und Tierhaltung eingestellt haben. Diese neue Subsistenz- und Ernährungsweise prägen uns heute möglicherweise wesentlich stärker als bisher angenommen.
Wieso werden Geschlechterunterschiede in der evolutionärpsychologischen Forschung dennoch so betont?
Das ist in der Tat erstaunlich, weil es dazu - wie gesagt - einfach keine harten Daten gibt. Ich glaube, darin spiegelt sich so etwas wie eine geschlechtliche Obsession unserer Gesellschaft wider: Geschlecht ist eine der ganz zentralen Strukturkategorien - es hat die Funktion eines Platzanweisers. Die erste Frage, wenn ein Mensch geboren wird, ist weniger: „Ist das Kind gesund?“, sondern: „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ In der Menschheitsgeschichte gab es diverse Kulturen, bei denen das Geschlecht, zumindest im Bestattungskult, offenbar keine oder höchstens eine geringe Bedeutung hatte. Das hat mich nachdenklich gemacht im Hinblick auf die Rolle, die wir dem Geschlecht hier und heute zuweisen.
Die evolutionärpsychologische Forschung ist ja eine relativ junge Richtung der Wissenschaft, die es sehr gut versteht, sich zu verkaufen. Sie stellt ihre Ergebnisse populär dar und findet breites Interesse, weil ihre Themen auch den Alltag der Menschen berühren. Denken Sie, dass eine solche Nähe zu bewegenden Lebensfragen für eine Wissenschaft eine problematische Sache ist?
Die Lebensnähe stellt auf jeden Fall eine Herausforderung dar, weil bei diesen Themen die Gefahr relativ groß ist, eigene kulturelle Prägungen und Muster unbemerkt einfließen zu lassen. Man nimmt dann quasi an der gesellschaftlichen Sinnproduktion teil. Darüber hinaus geht es auch um Fragen, die die eigene Identität berühren: Schließlich beeinflusst das Menschenbild auch das eigene Selbstverständnis.
Das ist ja auch das Spannende daran. Das bringt auch viele Wissenschaftsjournalisten dazu, auf jedes Teilergebnis anzuspringen.
Ich kann das nachvollziehen, weil es letztlich um elementare Fragen wie „Was ist der Mensch?“ oder „Wer bin ich?“ geht, die sich vermutlich alle Menschen stellen. Die Aussicht, auf diese Fragen Antworten zu finden, motiviert mich in meiner Forschung und setzt Kreativität und Energie frei. Auf der anderen Seite braucht es ein ständiges Bemühen, den eigenen kulturellen Hintergrund zu reflektieren, um die eigene soziale und kulturelle Prägungen nicht unbemerkt in die Forschung einzubringen.
Haben Sie solche Erfahrungen auch in ihren eigenen Forschungsfeldern, zum Beispiel der Archäologie, gemacht?
Ich habe festgestellt, dass ich bei Fragen der Geschlechterverhältnisse anfänglich dazu neigte, unkritisch das zu reproduzieren, was in der Fachliteratur steht. Mir diese kulturellen Muster einigermaßen bewusst zu machen, war eine große persönliche und wissenschaftliche Arbeit. Sehr geholfen dabei haben mir der Blick in traditionale Gesellschaften, in andere Kulturen sowie die Theorieansätze der Geschlechterforschung.
Aber auch die EP führt das Argument an, dass sie andere Kulturkreise betrachtet.
Ich denke, man muss sich den gesellschaftlichen Rahmen, in dem die evolutionäre Psychologie und die Soziobiologie operieren, vergegenwärtigen. Ich habe die Vermutung, dass zu diesem Rahmen soziale Konzepte der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts gehören. Damals sind soziale Konstruktionen entstanden, die noch heute von Bedeutung sind - beispielsweise das bürgerliche Geschlechtermodell, demzufolge der Mann der Ernährer, die Frau die Hausfrau und Mutter sei, oder auch eine bestimmte Art Kindheit zu definieren. Eine Analyse dieser sozialen Konstruktionen zeigt, dass sie über Naturalisierung legitimiert wurden, das heißt, sie wurden als natürlich, ursprünglich oder biologisch vorgegeben präsentiert. Die Legitimation und Erklärung sozialer Konstruktionen erfolgt in unserer Kultur sehr stark über Biologie. Biologistische Argumentationen wurden in den siebziger und achtziger Jahren in Frage gestellt, aber im Moment habe ich den Eindruck, dass eine Re-Biologisierung verschiedener sozialer Debatten stattfindet. Dabei kommen wieder biologistische Legitimationsstrategien zum Tragen, die im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts entstanden sind. Insofern ist zu prüfen, ob sich soziale Konzepte des 18. und 19. Jahrhunderts noch heute auf die Forschung auswirken.
Sie sprachen von der Tendenz einer Re-Biologisierung. Wo ist diese in der Forschung schon auszumachen?
In der archäologischen Forschung sehe ich eine Re-Biologisierung im Zuge molekularbiologischer Analysen ur- und frühgeschichtlicher Skelette - insbesondere bei der Feststellung von genetischer Verwandtschaft. In dieser Hinsicht gab es jüngst erste spektakuläre Erfolge - beispielsweise den Nachweis einer biologischen Kernfamilie, Vater, Mutter und zwei gemeinsame Kinder, die in Mitteldeutschland in einem jungsteinzeitlichen Grab gefunden wurden. Die Furore, die die sogenannte älteste Kernfamilie der Welt sowohl im Fach als auch in den Medien machte, lässt vermuten, dass es den großen Wunsch gibt, die Idee von der Kernfamilie als die Keimzelle der Gesellschaft mit diesem Befund zu bestätigen.2 In einer Zeit, in der viele alternative Formen des Zusammenlebens praktiziert werden und die biologische Kernfamilie ein Modell unter mehreren geworden ist, scheint dieser Befund deshalb eine so große Anziehungskraft zu haben, weil er vermeintlich zeigt, wie es ursprünglich gewesen ist. Es gibt also deutliche Tendenzen, archäologische Befunde in gesellschaftliche Debatten als Argument zu integrieren und entsprechend zu deuten.
Man sucht die Familie und findet sie dann auch.
Ja. Und dieses Grab ist dazu noch relativ jung: Es datiert ins dritte Jahrtausend vor Christus. Hinzu kommt, dass es bisher ein Einzelfall ist. Man kann also nicht sagen, dass der archäologische Befund die im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte Idealvorstellung der Kernfamilie als Basis des menschlichen Zusammenlebens für die Urgeschichte bestätigt.
Das zeigt tatsächlich den starken Wunsch, Geschichten erzählen zu wollen. Diese Herangehensweise scheint mir eine große Gefahr für eine Forschungsrichtung zu sein.
Es müssen eben die richtigen Geschichten sein. Die Geschichten, die hier erzählt werden, betrachte ich als einfache Antwort auf unglaublich komplexe Verhältnisse, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft. Es gibt viele Unsicherheiten im Alltag, die beängstigend und bedrohlich sind und das Gefühl von Kontrollverlust mit sich bringen. In der Wissenschaft ist das teilweise ähnlich. Mit zunehmendem Wissen wird immer deutlicher, wie komplex Dinge eigentlich sind, die man früher für relativ überschaubar gehalten hat. Selbst in der Prähistorischen Archäologie haben wir inzwischen so viele Daten, dass wir sie alleine mit unserem Intellekt überhaupt nicht mehr überblicken können. Wir müssen auf Computerprogramme zurückgreifen und bestimmte Abläufe oder Zusammenhänge modellieren. Diese vermeintlich so griffigen Antworten stellen eine Komplexitätsreduktion dar und schaffen dadurch eine gewisse - wenn auch trügerische - Sicherheit. Man kann scheinbar Voraussagen treffen und Kontrolle wird wieder möglich. Diese Komplexitätsreduktion und die vermeintliche Wiedererlangung von Kontrolle machen die Attraktivität von solchen Erklärungen aus. Sowohl in der Gesellschaft, als auch in der Wissenschaft. Das Interview führte Uwe Wendling
- 1Pany, Doris (2005): „Working in a saltmine…“ - Erste Ergebnisse der anthropologischen Auswertung von Muskelmarken an den menschlichen Skeletten aus dem Gräberfeld Hallstatt. In: Raimund Karl, Jutta Leskovar (Hg.): Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbericht der 1. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie. Linz, S. 101-111. Pany, Doris (2008): Die Bevölkerung des Hallstätter Hochtales in der Älteren Eisenzeit. In: Anton Kern, Kerstin Kowarik, Andreas W. Rausch, Hans Reschreiter (Hg.): Salz - Reich. 7000 Jahre Hallstatt. Wien, S. 136-141.
- 2W. Haak, G. Brandt, Ch. Meyer, H. N. de Jong, R. Ganslmeier, A. W. G. Pike, H. Meller, K. W. Alt: Die schnurkeramischen Familiengräber von Eulau - ein außergewöhnlicher Fund und seine interdisziplinäre Bewertung. In: H. Meller, K. W. Alt (Hg.): Anthropologie, Isotopie und DNA - biografische Annäherung an namenlose vorgeschichtliche Skelette? 2. Mitteldeutscher Archäologentag vom 08. bis 10. Oktober 2009 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 3. Halle (Saale): Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 2010, S. 53 -62. A.Muhl, H. Meller, K. Heckenhan: Tatort Eulau. Ein 4500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt. Stuttgart: Theiss 2010.
Brigitte Röder ist Psychologin und Neuropsychologin.