„Kein Platz für Tierversuche”

Gegen eine Vergrößerung des Tierversuchslabors am MDC

Am 13. Juni* dieses Jahres fand vor dem Max Delbrück Centrum (MDC) eine Demonstration gegen die geplante Vergrößerung des Tierversuchslabors statt. Annelie Böttger hat über Facebook zu die­ser Aktion aufgerufen.

Sie haben über Facebook zu einer Demonstration gegen die Vergrößerung des Tierversuchslabors am Max-Delbrück-Centrum aufgerufen. Was hat Sie dazu motiviert?

Es ist eher die Frage, wer mich dazu motiviert hat. Ich war auf einer Lesung von Martin Balluch. Er ist ein österreichischer Tierrechtsaktivist und Leiter des VGT, des Vereins gegen Tierfabriken. Balluch war oft dafür im Gefängnis, dass er eigentlich nur seine Meinung gesagt und Demonstrationen organisiert hat. Und außerdem bin ich mit einem Tierrechtsaktivisten aus England bekannt: Luke Steele, der die Organisation NAVA, die National Anti-Vivisection Alliance, gegründet hat. Steele ist gerade in Birmingham im Gefängnis, nur weil er einen Verein gegründet hat. Ich kenne ihn nur über das Internet, wir schreiben uns eMails und Briefe. Die beiden waren es hauptsächlich, durch die mir deutlich wurde, dass ich nicht selbst von irgendeiner Organisation kommen muss, ich kann auch selber etwas organisieren. Die beiden haben mich so inspiriert, dass ich dachte, ich muss selber aktiv werden und nicht einfach nur online ab und zu irgendwelche Petitionen unterschreiben.

Waren Sie vorher schon im Tierschutz aktiv?

Das ist das erste Mal, dass ich eine Demonstration organisiert habe. Ansonsten spielt der Tierschutz in meinem privaten Leben eine große Rolle. Ich bin Vegetarierin geworden, als ich zwölf war, und lebe jetzt vegan. Ich würde keinen verurteilen, der nicht vegan ist. Für mich selbst ist es aber wichtig.

Wie haben Sie von dem Versuchslabor erfahren?

Über das Internet und Facebook. Ich war geschockt, dass so etwas überhaupt in diesem Umfang in Berlin existiert und jetzt auch noch vergrößert werden soll. Ich habe Interviews online gelesen, zum Beispiel mit dem Leiter des MDC. Er sagte, dass er nicht vorhat, in den nächsten Jahren überhaupt mit Tierversuchen aufzuhören. Was mich dann dazu gebracht hat zu sagen, okay, es muss etwas unternommen werden, vor allem, wenn das Tierversuchslabor jetzt noch größer werden soll.

Also haben Sie die Aktion vollständig allein aufgezogen, ohne eine Organisation im Rücken zu haben?

Ich hatte natürlich großartige Unterstützung von allen Leuten, die bei der Demonstration mit dabei waren, und auch von denjenigen, die ihren Freunden und Online-Kontakten Bescheid gesagt haben.

Wieviele Leute waren bei der Aktion dabei?

Es hatten mehr zugesagt als letztendlich gekommen sind. 75 haben auf Facebook angegeben, dass sie kommen würden. Bei der Aktion waren dann 35. Ich habe mich auf jeden Fall über jeden gefreut, der gekommen ist. Von denjenigen, die gekommen sind, kannte ich nur eine Frau. Die anderen waren teilweise Aktivisten aus Berlin, teilweise Leute, die aus Leipzig oder anderen Städten angereist waren. Viele hatte selbst Transparente mitgebracht.

Haben Sie nur über Facebook aufgerufen?

Ich habe über 700 Flyer gedruckt und überall in Vegan- und Bioläden ausgeteilt. Aber letztendlich sind nur diejenigen gekommen, die über Facebook davon wussten. Face­book war effektiver.

Wie lief die Aktion ab?

Zunächst wurden wir nicht auf das Gelände gelassen, sondern sollten am Pförtnerhäuschen stehen bleiben. Ich hatte die Aktion aber direkt auf dem Gelände angemeldet und nicht irgendwo! Wir haben dann mit der Polizei ausgehandelt, dass wir auf das Gelände können. Während der Demo wurden Mitarbeiter des MDC zu uns gesandt, die uns Infomaterial geben wollten, was so absurd war, weil wir wussten, warum wir da waren! Dann hieß es, dass wir während der Demonstration kein Megaphon benutzen dürften, ansonsten müssten wir das Gelände verlassen. Bei Demos in Großbritannien und anderen Ländern hat jeder ein Megaphon und hier darf man nicht einmal ein einziges benutzen!

Haben Sie vor der Aktion Kontakt zum MDC gesucht?

Wir hatten erst direkt an dem Tag der Demonstration ein etwas längeres Gespräch über anderthalb Stunden. Wir wurden dazu während der Aktion eingeladen. Uns wurde gesagt, es sei ein Raum reserviert. Plötzlich schien ihnen unsere Meinung ziemlich wichtig zu sein, nachdem uns zuvor verboten worden war, durch das Megaphon zu sprechen. Mit einem Mal wurde uns doch mehr oder weniger zugehört. Bei dem Gespräch waren 50 Mitarbeiter vom MDC und 15 Aktivisten. Was dann im Gespräch herauskam, war noch schockierender als das, was ich erwartet hätte. Es gab zwei Punkte, die mich am meisten verärgert haben. Der eine Punkt war, wie jung die MDC-Mitarbeiter waren, so zwischen 20 und 30, obwohl man meinen würde, junge Leute müssten es wirklich besser wissen. Und ein anderer Punkt war, dass einer der MDC-Mitarbeiter sagte, dass in dem Moment, wo er den Tierversuch durchführt, das Tier nur ein Objekt für ihn ist. Dabei wird vom MDC und auch von anderen Institutionen, die Tierversuche durchführen, sehr oft gesagt: Tiere sind uns wichtig und wir versuchen die Tiere so menschlich wie möglich zu behandeln, egal ob genmanipuliert oder nicht. Es wird immer versucht, Tierversuche zu legitimieren und schönzureden. Der MDC-Mitarbeiter hat es wirklich so direkt in unsere Gesichter gesagt und es war ersteinmal sehr hart, das so zu hören.

Was finden Sie an Tierversuchen problematisch?

Es ist vieles problematisch. Einmal aus wissenschaftlicher Sicht, dass sie nicht zuverlässig sind. Es gibt zigtausend Beispiele, bei denen Medikamente an Tieren getestet wurden und dann doch für Menschen nicht sicher waren. Aber mein Hauptargument ist, dass es ethisch nicht vertretbar ist. Ich kann nicht, nur weil ich ein kleines Tier habe, was vielleicht eine Ratte ist, sagen, für die ist es in Ordnung, im Tierversuch zu leiden, nur damit der Mensch daraus Profit zieht. Inzwischen gibt es, und das wäre der nächste Grund, der gegen Tierversuche spricht, wirklich so viele Alternativen, man kann Computer nutzen. Es ist im Jahre 2012 einfach nicht mehr notwendig, Tierversuche durchzuführen.

Haben die Mitarbeiter vom MDC in dem Gespräch gesagt, warum sie denken, dass Tierversuche nötig sind?

Ich habe ihnen die Frage gestellt, ob - im Vergleich zu den Universitäten in Amerika oder England -, das MDC in einigen Jahren nicht dafür bekannt sein möchte, dass es eben den Schritt weg von Tierversuchen gemacht hat. Ob das MDC nicht lieber in einem Jahr dafür berühmt sein will, Alternativen genutzt zu haben, wie die Computer, die sie bereits haben. Da gab es dann aber den Einwand vom MDC, dass diese alternativen Methoden noch nicht weit genug entwickelt sind, was aber auch kein Wunder ist, wenn 25 Millionen lieber in ein neues Tierversuchslabor gesteckt werden. Im Gegenzug dazu habe ich einen Brief an Klaus Wowereit geschrieben. Als Antwort kam eine eMail von der Senatskanzlei zurück, dass es einen Forschungspreis für alternative Methoden gibt, also Methoden, die Tiere nicht beinhalten. Dieser Preis wird in Berlin seit letztem Jahr jährlich vergeben, ist aber nur mit 15.000 Euro dotiert. 15.000 Euro für Alternativmethoden im Vergleich zu 25 Millionen - da ist es kein Wunder, dass bezüglich der Weiterentwicklung von Alternativen nichts passiert. Es muss in dieser Hinsicht von der Politik und den Geldgebern mehr getan werden.

Sie haben die Aktion unter das Motto gestellt: „Was würden Sie mit 25 Millionen Euro machen?" Wie würden Sie selbst diese Frage beantworten?

Ich möchte zuerst sagen, was andere auf diese Frage geantwortet haben. Ich habe die Frage auch anderen gestellt. Zum Beispiel sofatutor.com, wo ich neben dem Studium arbeite. Der Chef sagte, er würde mit den 25 Millionen allen Berliner Schülern einen E-Book-Reader kaufen, den sie im Unterricht benutzen könnten. Ein Professor an der Humboldt-Universität, wo ich studiere, antwortete, er würde das Geld natürlich nicht in ein riesiges Tierversuchslabor, sondern in Bildung investieren, zum Beispiel bessere Materialien für den Unterricht kaufen. Man könnte so viel tun im Bildungsbereich, damit die nächste Generation nicht wieder den gleichen Fehler macht.

„Den gleichen Fehler nicht mehr zu machen“ - ist damit gemeint, Tierversuche nicht mehr als legitime Methode in der Forschung zu sehen?

Ja, genau. Ich würde das Geld in Bildung investieren oder speziell in alternative Methoden. Es gibt Leute, die haben dieses Wissen um Alternativen, und es wird einfach nicht genug Geld zur Verfügung gestellt, diese Ideen umzusetzen.

An Tierversuchen ist nicht nur problematisch, dass es sie überhaupt noch als Methode in der Forschung gibt, sondern vor allem das Leiden der Tiere.

Genau. Das ist auch der Hauptpunkt, warum ich gegen Tierversuche bin. Ein weiteres Argument gegen Tierversuche ist, dass den Menschen, die leiden, falsche Hoffnungen gemacht werden. Seit Jahren leiden Menschen an Krebs, seit Jahren leiden Menschen an AIDS und immer noch werden Tierversuche gemacht und immer noch leiden Menschen. Das ist einfach schrecklich. Wenn ein Mensch in einer Familie krank ist, dann will man das Beste für ihn und wenn einem dann gesagt wird, Tierversuche seien eine Lösung, dann ist das ein Lüge.

Wenn die Tierversuche nichts nützen, warum werden sie Ihrer Meinung nach noch durchgeführt?

Es ist einfach eine Tradition, genauso wie es noch den Stierkampf gibt. Zum Glück gibt es Forscher, die auch Alternativen benutzen. Aber leider gibt es hier am MDC auch sehr viele Leute, die einfach nicht bereit sind, irgendetwas Neues zuzulassen. Das ist schade.

Das MDC hat die Basler Deklaration unterzeichnet: Die Unterzeichner der Deklaration verpflichten sich, ethische Standards einzuhalten und einen offenen Dialog über Einsatz der Tiere in der Forschung anzubieten. Zugleich machen die Unterzeichner klar, dass Tierversuche unverzichtbar für die biomedizinische Forschung sind. Was halten Sie davon?

Das zeigt schon wieder die Absurdität dahinter. PETA und andere Organisationen haben herausgefunden, dass es am MDC in der Vergangenheit viele Verstöße gegen Tierrechte gab, zum Beispiel sind Tiere einfach massenhaft gestorben, oder es ist tagelang nicht nach ihnen geschaut worden. Natürlich werden Tiere nicht ethisch behandelt. „Ethisch behandelt werden“ heißt eben nicht, ich züchte tausend gentechnisch manipulierte Mäuse und quäle sie, um sie dann sterben zu lassen. Das ist für mich keine ethische Behandlung. Für mich ist jeder Tierversuch ein Verstoß.

In Ihrem Aufruf heißt es: „Fortschritt, ja - Tierversuche, nein!"

Für mich ist im Jahr 2012 in einer Stadt wie Berlin kein Platz mehr für Tierversuche, schon gar nicht für ein riesiges Tierversuchslabor. Wenn sich die Stadt weiterentwickeln soll, was die Verantwortlichen hoffentlich wollen, dann ist hier kein Platz mehr für Tierversuche, dann muss es einen Fortschritt geben, das heißt, keine Tierversuche.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Definitiv, dass es nicht sein kann, dass nur so wenig Geld in die Entwicklung von Alternativen gesteckt wird. Das ist das eine. Und weiterhin: Die Tierversuche sollen nicht nur reduziert, sondern komplett abgeschafft werden, das betrifft Tierversuche für Kosmetik und in der Medizin.

Frau Böttger, wir danken Ihnen für das Gespräch.


* Irrtümlich war hier in der Druckversion 13. Juli zu lesen. Entschuldigung! [geändert im November 2012]
Das Interview führte Birgit Peuker.

Annelie Böttger

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
214
vom Oktober 2012
Seite 17 - 19

Das Max Delbrück Centrum ist eines von zwei Forschungsinstituten, das auf dem im Nordosten Berlins gelegenen Campus Berlin Buch angesiedelt ist. Angeschlossen ist der BioTech-Park Berlin Buch mit circa 50 Unternehmen und mehreren Kliniken. Das MDC plant den Neubau eines „In-vivo-Pathophysiologie-Labors“ mit einer Kapazität von 4.000 Mauskäfigen. Das entspricht bei drei Mäusen pro Käfig einer Tierhhaltungskapazität von 12.000 Mäusen. Mit den Arbeiten zum Neubau soll 2013 begonnen werden. Derzeit hat das Tierversuchslabor des MDC eine Kapazität von 17.400 Maus- und 1.080 Rattenkäfigen, was ungefähr 54.360 Tieren entspricht. Mit dem neuen Labor sollen nach Aussagen des MDC bereits vorhandene Kapazitäten konzentriert und ältere abgebaut werden. Dennoch steige die Tierhaltungskapazität bis 2020 um 14 Prozent, was das MDC mit steigenden Mitarbeiterzahlen begründet. Laut Ärzte gegen Tierversuche bildet der Schwerpunkt der Tierversuche am MDC die Grundlagenforschung im Bereich Gentechnik. Untersucht werde der „genetische Ursprung von Krankheiten und die Funk­tion von Genen und deren Auswirkung auf den Stoffwechsel“
(bir)
Quellen: www.mdc-berlin.de, www.kurzlink.de/gid214_e www.aerzte-gegen-tierversuche.de, www.kurzlink.de/gid214_f

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