Vom Nehmen und Geben

Der Cali-Fonds – ein neuer Mechanismus für den Umgang mit genetischen Informationen

Digitale DNA-Informationen spielen eine wichtige Rolle in der Medizin, der Lebensmittelproduktion und dem Naturschutz. Seit einem Jahr gibt es einen neuen Mechanismus, der den Zugang und die Gewinnbeteiligung regeln soll. Mit welcher Bilanz?

DNA Doppelhelix und Daten

Die Sequenzierung von DNA ist die Grundlage, um genetische Informationen digital verfügbar zu machen. Foto von Peter Linforth von Pixabay.

Aus Genen kann man Geld machen. Dafür suchen Unternehmen in der reichhaltigen Biodiversität nach Stoffen oder Eigenschaften, die sich zum Beispiel als Medikamente, Nahrungsmittel oder Kosmetika vermarkten lassen. Um den eigenen Gewinn zu erhöhen und andere von der Nachahmung abzuhalten, lassen sich die Unternehmen die Gene und Stoffe patentieren. Die Ursprungsländer und deren Bevölkerungen gehen dabei leer aus. Bekannte Beispiele hierfür sind Basmati-Reis, die afrikanische Teufelskralle oder Kurkuma. Vor einigen Jahrzehnten musste für den Erhalt der Gene noch vor Ort nach organischem Material von Pflanzen und Tieren gesucht und dieses dann verschifft werden. Heute reichen ein paar Klicks in Online-Datenbanken um Zugriff auf eine Vielzahl von genetischen Daten zu erhalten, sogenannte Digitale Sequenz Informationen (DSI). Dies ist eine neue Entwicklung, nicht geändert hat sich die globale Verteilung: Orte mit hoher Biodiversität und unbekannten Lebensformen liegen häufig in den Tropen und Subtropen. Orte, an denen viele internationale Konzerne ihren Hauptsitz haben, liegen in den gemäßigten Breiten und häufig auf der Nordhalbkugel.

Ein Fond für mehr Gerechtigkeit

Um auf diese neue Entwicklung des einfachen Zugriffs auf DSI innerhalb der alten Verteilungsstruktur einzugehen, wurde von der internationalen Gemeinschaft ein multilateraler Mechanismus entwickelt, von dem der Cali-Fonds ein wichtiger Teil ist. Er soll dazu beitragen, vier Ziele zu verwirklichen: die Erhaltung und die nahhaltige Nutzung von Biodiversität, die Wertschätzung und Unterstützung von Indigenen und lokale Gemeinschaften, die Sicherung des freien Zugangs zu genetischen Daten für alle und die Schaffung einer vorhersehbaren und transparenten Struktur für einen gerechten Vorteilsausgleich über die Länder hinweg.

In den Fonds einzahlen sollen Unternehmen aus Sektoren wie der Pharma- und Kosmetikindustrie, der Lebensmittelproduktion oder der Biotechnologien, die genetische Daten zur Entwicklung ihrer Produkte nutzen. Die dort gesammelten Gelder gehen zu 50 Prozent direkt an Indigene und lokale Gemeinschaften, der Rest in den Erhalt der Natur und an die Ursprungsländer von DSI. Ein konkreter Schlüssel wird noch erarbeitet. Verwaltet wird der Fonds von einem Treuhandfonds-Büro in Partnerschaft mit dem UN-Entwicklungsprogramm und dem UN-Umweltprogramm.

Damit wird Realität, was seit einigen Jahren innerhalb der Vertragsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) debattiert wird. Der Cali-Fonds wurde im Februar 2025 in Rom auf der Vertragsstaatenkonferenz der CBD, der COP 16.2, ins Leben gerufen. Er ist Teil einer Strategie der CBD zum Umgang mit DSI, die ein Jahr zuvor auf der COP 15 verabschiedet wurde.

Der Cali-Fonds soll fortsetzen, was unter dem Rahmen der CBD und im speziellen dem Nagoya-Protokoll festgehalten wurde. Dieses regelt seit 2014 den Zugang zu physischen genetischen Ressourcen (Access) und die gerechte Beteiligung an den Vorteilen aus ihrer Nutzung (Benefit) zwischen den Staaten. Seitdem die Digitalisierung und die Biotechnologien den Transfer von biologischem Material obsolet gemacht haben, pochten vor allem die Länder des Globalen Südens darauf, eine Regelung für den Nutzen von digitaler genetischer Information zu finden und diese Lücke zu schließen.

Ein Blick auf das Konto

Seit gut einem Jahr gibt es den Cali-Fonds offiziell. Ein Blick auf sein Konto ist allerdings ernüchternd. Die einzige Einzahlung, die bisher vorgenommen wurde kommt von TierraViva AI einem jungen Start-up aus dem UK und beträgt 1.000 Euro. Paul Oldham, Geschäftsführer von TierraViva AI, schreibt in einem öffentlichen Brief an die Leiterin der CBD Astrid Schomaker: „Wir leisten diesen Beitrag, weil jedes Unternehmen auf der Welt auf die biologische Vielfalt angewiesen ist – sie ist der ultimative, übersehene Mitarbeiter.“ Für TierraViva AI war der Beitrag in den Fond freiwillig.

Vor allem große Unternehmen sind angehalten, in den Fonds einzuzahlen. Beitragen sollen sie entweder 1 Prozent von ihrem jährlichen Profit oder 0,1 Prozent von ihrem Jahresumsatz. Da die Entscheidungen der COP nicht rechtlich bindend sind, sind große Unternehmen durchaus nur angehalten zu zahlen. Laut dem Entscheidungstext zum Cali-Fonds sollen die Vertragsparteien der CBD verwaltungstechnische, politische und gesetzliche Maßnahmen ergreifen, um Anreize für die Unternehmen zu schaffen, sich tatsächlich am Cali-Fonds zu beteiligen. Ob und wie sie das zeitnah tun, wird sich zeigen.

Aber nicht nur auf die Unternehmen kommen Veränderungen zu. Auch die Anbieter*innen von Datenbanken von genetischen Informationen müssen Anpassungen vornehmen. Genauso wie sich Wissenschaftler*innen und Forschende mit dem Cali-Fonds auseinandersetzen müssen. Das DSI Scientific Network hat für sie einen Leitfaden geschrieben. Im Ramen der CBD wurde zwar entschieden, dass öffentliche Datenbanken, akademische Institutionen und öffentliche Forschungseinrichtungen von den Zahlungen ausgeschlossen sind, aber in solch globalen Regularien liegt der Teufel häufig im Detail. Statt monetärer Leistungen soll der Beitrag von Forschung und Wissenschaft zum Cali-Fonds der Zugang und das Teilen von Wissen, DNA Sequenzen oder Technologien sein.

Kritik: Nicht nur Geld, auch der Zugang zählt

Hier schließt die Kritik der internationalen Organisation Third World Network (TWN) an, die sich für die Interessen der Länder des Globalen Südens unter anderem bei Gesundheitsfragen, Handelsregeln und der biologischen Sicherheit einsetzt. Wenn der freie Zugang zu genetischen Ressourcen nur durch finanzielle Mittel abgeglichen werde, verstetige und verstärke dies die fortschreitende Monetarisierung von Natur, so TWN. Verpflichtungen zum nicht monetären Vorteilsausgleich seien daher sehr wichtig für die Länder des Globalen Südens. Ein Beispiel hierfür, das über die schon beschriebenen nicht monetären Beiträge hinausgeht, ist der Zugang zu Medikamenten. 70 Prozent der verfügbaren Medikamente gegen Krebs basieren auf genetischen Ressourcen oder sind von ihnen inspiriert. Der Preis der Medikamente ist jedoch so hoch, dass viele Länder des Globalen Südens sie sich nicht leisten können. Der Zugang zu diesen Medikamenten könnte laut TWN eine sinnvolle Maßnahme sein, um einen ganzheitlicheren Vorteilsausgleich zu gewährleisten.

Generell kritisieren Umweltverbände und NGOs am Fonds vor allem, dass momentan eine zu große Freiwilligkeit zur Einzahlung und unklare Beitragspflichten bestehen. Die Industrie bemängelt hingegen, es sei schwierig, kommerzielle Gewinne zu identifizieren, die auf genetische Ressourcen zurückzuführen sind. Außerdem könne es zu Wettbewerbsverzerrungen kommen, wenn nicht alle Nutzer*innen weltweit gleichmäßig in die Pflicht genommen werden, weil die Anreize der Länder unterschiedlich stark seien.

Welche Anpassung es beim Cali-Fonds und der CBD braucht, um einen wirkungsvollen und ausgeglichen Mechanismus zu kreieren, wird von den Beteiligten diskutiert. Auf der CBD COP 17 in 2026 soll der Fond evaluiert und mögliche Anpassungen vorgenommen werden. Ein Steuerungskomitee übernimmt die kontinuierliche strategische Ausrichtung und die Lenkung des Cali-Fonds sowie des multilateralen Mechanismus zu DSI zu genetischen Ressourcen. Das Komitee ist zusammengesetzt aus Vertreter*innen der Vertragsstaaten, Indigenen und lokalen Gruppen, der Wissenschaft, Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft. Ob auf den verschiedenen Ebenen wirkungsvolle Maßnahmen zur Befüllung des Fonds sowie Verteilungsmechanismen geschaffen werden können, wird essentiell sein, damit seine Ziele erreicht werden.

Den Vorteilsausgleich nicht verwässern!

Der Cali-Fonds bietet die Möglichkeit, neue Finanzierungsmöglichkeiten sowohl für die Unterstützung von Indigenen und lokale Gemeinschaften als auch für die globale Biodiversität aufzutun. Dennoch gehen einige davon aus, dass der Fonds im besten Fall jährlich ein paar Milliarden Dollar aufbringen kann. Damit kann er nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, bei der Schließung der jährlichen 700 Milliarden Dollar Lücke auf die sich die Vertragsstaaten der CBD für den Schutz der Biodiversität geeinigt haben.
  
Sicher ist, dass die Verwendung von genetischen Informationen schon heute extrem wichtig und weit verbreitet ist. Dabei spielt sie nicht nur eine zentrale Rolle bei der Entwicklung von Produkten oder der Optimierung von industriellen Prozessen, sondern ist auch zentral für den Naturschutz. Um dieser fortschreitenden Entwicklung heute und in Zukunft einen angemessenen Rahmen zu geben, wurde mit den Entscheidungen der CDB und der Implementierung des Cali-Fonds schon viel erreicht. Nun kommt es auf die weiteren Verhandlungen an, dass die Ziele des Vorteilsausgleichs gestärkt und gesichert werden – und nicht für das Ziel des freien und unkomplizierten Zugangs zu DSI verwässert werden.


Weitere Informationen zu internationalen Verträgen für eine gerechte Nutzung und den Erhalt der Biodiversität, können Sie im GID MAGAZIN zum Thema lesen:
GID Nr. 276 von Februar 2026: „Wessen Schätze? Globale Konflikte um genetische Ressourcen“
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    24. März 2026

    Judith Düesberg ist Ökologin und Mitarbeiterin des GeN.

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    GID Nr. 276 von Februar 2026: „Wessen Schätze? Globale Konflikte um genetische Ressourcen“
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