Europäisches Patentamt erklärt Schimpansen zu Erfindungen
(München/ Berlin, 22. Oktober 2012) Das Europäische Patentamt hat im Jahr 2012 drei Patente auf gentechnisch veränderte Schimpansen erteilt. Dies geht aus einer aktuellen Recherche der Initiative Kein Patent auf Leben! hervor. Die Tiere sollen für die Pharmaforschung genutzt werden. Ein Bündnis von mehreren Organisationen bereitet jetzt Einsprüche gegen die Patente vor. Ziel der Initiative ist nicht nur der Widerruf, sondern ein grundsätzliches Verbot derartiger Patente. Die Träger der Initiative fürchten, dass durch kommerzielle Anreize immer mehr Tierversuche auch mit Schimpansen durchgeführt werden. Sie fordern mehr Respekt im Umgang mit Tieren.
Initiative fordert mehr Respekt im Umgang mit Tieren!
„Die jetzt erteilten Patente auf Menschenaffen weisen auf eine krasse Fehlentwicklung hin. Das Europäische Patentamt muss insbesondere zum Schutz von Säugetieren aktiv werden und die Patentierung von gentechnisch veränderten Versuchstieren einstellen“, fordert Ruth Tippe von Kein Patent auf Leben! „Die Tierversuche gerade im Bereich der Gentechnik nehmen in den letzten Jahren stark zu, und das Patentamt schafft hier noch zusätzliche kommerzielle Anreize.“
2012 wurden zwei Patente für die US-Firma Intrexon erteilt (EP1456346 und EP1572862). Sie ist im Bereich der Synthetischen Biologie tätig und beansprucht ausdrücklich Tiere wie Mäuse, Ratten, Kaninchen, Katzen, Hunde, Rinder, Ziegen, Schweine, Pferde, Schafe, Affen und insbesondere Schimpansen als Erfindung. Unter Einsatz von Insekten-DNA soll sich die Aktivität der Gene dieser Tiere angeblich gezielt verändern lassen.
Die US-Firma Altor BioScience erhielt ein Patent auf Schimpansen, deren Immunsystem „humanisiert“ wurde (EP1409646). Sie kooperiert mit der Firma Genentech (Teil von Hofmann-La Roche). Entwickelt werden unter anderem Medikamente mit Antikörpern, die dann auch an Menschenaffen getestet werden.
„Derartige Patente unterlaufen die Bemühungen für einen besseren Schutz von Menschenaffen. Es gibt gute Gründe, Tierversuche mit Schimpansen komplett zu verbieten“, sagt Christoph Then von Testbiotech. „Wer aber Menschenaffen zu patentierbaren Erfindung macht, scheint jeden Respekt vor den Tieren verloren zu haben.“
Insgesamt hat das Patentamt bereits etwa 1200 Patente auf Tiere erteilt. Der Präzedenzfall wurde 1992 mit der sogenannten „Krebsmaus“ geschaffen. Auch auf Menschenaffen gibt es schon zahlreiche Patente. 2006 wurde beispielsweise eines auf Affen mit Krebsgenen erteilt (EP0811061). Erst nach Einspruch von Greenpeace verzichtete der Patentinhaber auf die strittigen Ansprüche. 2010 erhielt die Firma Bionomics ein Patent auf gentechnisch veränderte Affen, die an Epilepsie leiden (EP1852505).
Versuche an Primaten und Menschenaffen unterliegen international, insbesondere auch in der EU, strengen Restriktionen. Genetische Ähnlichkeit, das nachgewiesene Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zu planen und zu fühlen veranlassen Wissenschaftler und Tierrechtler, sich für gesetzlich anerkannte Grundrechte für die Großen Menschenaffen einzusetzen. Das internationale "Great Ape Project" fordert sogar das gesetzlich verankerte Recht auf Leben, Freiheit und körperliche wie psychische Unversehrtheit. Einige EU-Länder haben Tierversuche an Menschenaffen bereits verboten. Durch Patente auf Menschenaffen und andere gentechnisch veränderte Säugetiere kann aber ein Vermarktungsdruck entstehen, der dazu führt, dass Regelungslücken gezielt genutzt werden. Vor diesem Hintergrund werden das Gen-ethische Netzwerk, die Gesellschaft für ökologische Forschung, Kein Patent auf Leben! und Testbiotech Einsprüche gegen diese Patente vorbereiten und weitere Unterstützer mobilisieren.
Rückfragen:
Dr. Ruth Tippe, Kein Patent auf Leben!, Tel.: 0173/15 434 09, rtippe(at)keinpatent.de Dr. Christoph Then, Testbiotech, Tel.: 01515/463 8040, info(at)testbiotech.org
Ansprechpartner im Gen-ethischen Netzwerk e.V.
Christof Potthof Mobil: 0163/26 06 359 christof.potthof(at)gen-ethisches-netzwerk.de
Die Texte der erteilten Patente:
www.testbiotech.org/sites/default/files/EP1409646… (pdf-Dokument, direkter Link, 1,1 MB) www.testbiotech.org/sites/default/files/EP1456346… (pdf-Dokument, direkter Link, 3,1 MB) www.testbiotech.org/sites/default/files/EP1572862… (pdf-Dokument, direkter Link, 5,2 MB)
Aktueller Artikel zu Patenten auf Tiere: www.gen-ethisches-netzwerk.de/files/1210gid_then_… (pdf-Dokument, direkter Link, 274 KB) aus: Gen-ethischer Informationsdienst (GID) 214, Oktober 2012 Titelthema: „Lebewesen als Objekt - gentechnisch veränderte Tiere‟ ... bestellen unter 030/685 7073 oder gen@gen-ethisches-netzwerk.de
Weitere Informationen zu den beteiligten Organisationen:
www.keinpatent.de www.gen-ethisches-netzwerk.de www.oekologische-forschung.de www.testbiotech.org
Link zum Great Ape Projekt: www.greatapeproject.de/
Bildquelle: Chad Littlejohn, USA; im Netz unter: www.sxc.hu/photo/355308
Verschiedene Aktivitäten und Informationen der vergangenen Jahre:
Sehr geehrte Bundesministerin Aigner: Wir warten auf Taten!
(München, Frühjahr 2012) Schicken Sie Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) eine Erinnerung. Auf dass sie nicht vergisst, etwas gegen Patente auf Pflanzen und Tiere zu stoppen. Postkarte zum Herunterladen oder im GeN bestellen.
Offener Brief gegen Patente auf Tiere und Pflanzen
(Berlin und München, Mai 2011) Das Gen-ethische Netzwerk und die Initiative Kein Patent auf Leben! rufen zur Unterstützung des Offenen Briefes an die Mitglieder des Europäischen Parlamentes und die Europäische Kommission und gegen die Patentierung von Tieren und Pflanzen auf !!! Mehr als 70.000 Unterschriften sind innerhalb eines guten Jahres zusammengekommen!
Entscheidung zu Brokkoli und Tomate ist gefallen!
(München, 9. Dezember 2010) Das Europäische Patentamt (EPA) hat heute die Entscheidung über das so genannte „Brokkoli-Patent“ gefällt: Das Verfahren zur konventionellen Züchtung von Brokkoli könne nicht als technische Erfindung angesehen werden.
Kein Patent auf Brokkoli und Tomate! - Keine Patente auf Pflanzen und Tiere!
Am 20. Juli 2010 verhandelt das Europäische Patentamt über Patente auf Brokkoli und Tomaten aus traditioneller Zucht. Bauern-, Umwelt-, Entwicklungshilfe- und andere Organisationen - und natürlich auch das GeN - rufen gemeinsam zur Demonstration in München auf: Setzen wir zusammen ein deutliches Zeichen gegen Patente auf Pflanzen und Tiere, auf Gene, Zellen und Gewebe - Kein Patent auf Leben!
Kein Patent auf unsere Kühe! - Aufruf zur Kundgebung am 3. März 2010 in München
Das so genannte Kuh-Patent (EP 1330552) wird am 3. und 4. März 2010 ab 9:00 Uhr beim Europäischen Patentamt verhandelt. Aus diesem Anlass rufen die einsprechenden Organisationen (die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) e.V., der Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM), das Gen-ethische Netzwerk (GeN) e.V., Misereor e.V. und die Initiative Kein Patent auf Leben!) zu einer Kundgebung beim Europäischen Patentamt auf - am 3. März 2010 um 11:00 Uhr
Brokkoli-Patent - Termin für die öffentliche Verhandlung steht jetzt fest: 20. und 21. Juli 2010 in München
(München und Berlin, 19. Februar 2010) Das Europäische Patentamt (EPA) hat den Termin für die Verhandlung über das Brokkoli-Patent und das Matschtomaten-Patent auf den 20. und 21. Juli 2010 gelegt. Die Patente werden vor der Großen Beschwerdekammer des EPA verhandelt.