Lebewesen als Objekt

Einführung

Gentechnisch veränderte Tiere führen im Gegensatz zu den transgenen Pflanzen ein Schattendasein. Ins Licht der Öffentlichkeit geraten sie in der Regel leider meistens nur durch Zufall.

Lange Zeit war an eine Freisetzung gentechnisch veränderter (gv) Tiere überhaupt nicht zu denken. In den Debatten, in denen gv-Tiere vorkamen, spielten sich die realistischen Szenarien, wo und wie ebensolche Tiere zum Einsatz kommen könnten, in Aquakulturen (gv-Fische) oder sterilen Ställen (bei der Xenotransplantation oder der Produktion von Medikamenten) ab, aber nicht in der „freien Natur“. Doch plötzlich kam die britische Firma Oxitec und zauberte ihre transgenen Mücken aus dem Hut, mit denen sie Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber bekämpfen will. Am Dengue-Fieber und den zu dessen Eindämmung entwickelten und bereits in mehreren Ländern freigesetzten gentechnisch veränderten Insekten zeigt die britische Nichtregierungsorganisation GeneWatch UK, warum es mit der Entwicklung einer Technologie allein nicht getan ist. Es muss in Abschätzungen geprüft werden können, welche Risiken mit der Freisetzung der gv-Mücken verbunden sind und welche Erfahrungen für eine solche Abschätzung bereits zur Verfügung stehen. Auch sollte deutlich werden, wie gut die vorgebrachten Gründe und Argumente wirklich sind. Bei der Frage, ob gentechnisch veränderte Schimpansen patentierbar sind, kann man zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Das Europäische Patentamt beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Allein in der jüngeren Vergangenheit wurden drei Patente auf gv-Schimpansen erteilt. Christoph Then und Ruth Tippe stellen diese in den Kontext von 20 Jahren Patente auf gentechnisch veränderte Tiere. 1992 wurde im EPA die so genannte Krebsmaus als erstes Wirbeltier in Europa patentiert. Dieses Patent bildete gleichzeitig Anlass für zivilgesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen mit dem Thema „Patente auf Leben“. In Fortschreibung dieser Tradition werden die - 1992 gegründete - Ini­tiative „Kein Patent auf Leben!“, das Gen-ethische Netzwerk, die Gesellschaft für ökologische Forschung und die Nichtregierungsorganisation Testbiotech Einwendungen gegen diese Patente formulieren und um Unterstützung werben. Gentechnische Veränderungen bei Tieren stehen in enger Beziehung zum Klonen. Denn: Weil die eine Technologie (die gentechnische Veränderung) so schlechte Ergebnisse bringt, muss mit der anderen (dem Klonen) dafür gesorgt werden, dass die wenigen Produkte später vervielfältigt werden. Daraus sollte aber nicht der Schluss gezogen werden, dass das Klonen von Tieren zum technischen Einmaleins gehört. Das Gegenteil ist der Fall, wie Anita Idel zeigt: 95 bis 99,5 Prozent der geklonten Embryonen sind nicht lebensfähig. Das ist das Ergebnis von dreißig Jahren Klonforschung und -entwicklung. Engagement gegen diese Art von Tierquälerei ist da gefragt. Annelie Böttger zeigt dieses Engagement. Im Sommer hat sie in Berlin eine Demonstration gegen Tierversuche organisiert, und zwar via Web 2.0. Böttger hat diese Demonstration als Event im sozialen Internet-Netzwerk Facebook angekündigt und beworben. Im Interview, das Birgit Peuker mit ihr im richtigen Leben, live und in Farbe geführt hat, erklärt Böttger ihre Motivation. Last but not least haben wir am Schluss dieses Schwerpunktes ein paar „alte Bekannte“ zusammengestellt. Gentechnisch veränderte Tiere, die in der Vergangenheit hier und da auf der Bildfläche der Gentechnik-Debatte oder in anderen Zusammenhängen erschienen waren. Nur ein Ausschnitt, denn ein wirklicher Überblick ist in diesem Rahmen leider nicht mehr möglich. Wer sich den verschaffen will, dem kann der Bericht „Transgenic Animals - Developments regarding transgenic animals since 2007 including risk assessment and status quo in respect of cloned animals“ weiterhelfen, der im Frühjahr dieses Jahres von der österreichischen Bundesregierung veröffentlicht wurde. Insgesamt ist zu erwarten, dass die Diskussionen um gentechnisch veränderte Tiere in den nächsten Jahren deutlich zunehmen werden. Dafür spricht zum Beispiel, dass die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, in diesem Jahr ein Konsultationsverfahren über die Umweltverträglichkeitsprüfung für gentechnisch veränderte Tiere durchführte. Bereits im letzten Jahr wurde ein solches Verfahren zur Lebensmittelsicherheit durchgeführt.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
214
vom Oktober 2012
Seite 6

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