Im Zweifelsfall auf Nummer Sicher

Welche Rolle kann die christliche Ethik bei der Bewertung gentechnisch veränderter Organismen, ihrer Herstellung und ihrer Verwendung als Nahrungsmittel übernehmen? Wie können aus ihrer Sicht die Grenzen definiert werden, die bestimmen, bis zu welchem Punkt andere Lebewesen für menschliche Zwecke verändert werden dürfen?

Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) werfen eine Reihe von moralischen, sowie ethischen und theologischen Fragen auf – insbesondere, da sich die Gentechnik mit dem "genetischen Code", also der Grundlage des Lebens an sich, beschäftigt. Die Fragestellungen fordern jeden Einzelnen dazu auf, sich tiefgreifend mit folgenden Punkten auseinander zu setzen:

  • Unsere Verantwortung uns sowie der gesamten Schöpfung gegenüber: Wie können wir nach besten Kräften sicherstellen, dass unser Handeln keine gefährlichen Konsequenzen haben wird?
  • Die Beziehung zwischen dem Menschen und den anderen Lebewesen, sowie die Rolle der mit Kreativität begabten Menschheit innerhalb der göttlichen Schöpfung: Welche Grenzen sind es, die das Ausmaß bestimmen, bis zu dem wir andere Lebewesen für unserer Zwecke verändern dürfen?
  • Unser Verständnis von Leben und Nahrung: Sind Lebewesen bloße Waren, die zum Kauf und Verkauf bestimmt sind? Haben wir Menschen das Recht, Besitzansprüche auf lebende Organismen geltend zu machen – oder auf deren Gene, das gemeinsame Erbe aller Lebewesen? Wie kann man die Geschenke der Schöpfung am besten teilen – einschließlich des genetischen Erbes, das eine der Grundlagen des Lebens selbst darstellt?

Gv-Nahrungsmittel und das Vorsorgeprinzip

Grundgedanke des Vorsorgeprinzips ist es, dass der Mensch dazu aufgerufen ist, im Einklang mit Gottes Schöpfung zu leben und andere Lebewesen, sowie die gesamte Ökosphäre zu respektieren. Jeder Zuwachs an Wissen geht somit unweigerlich mit der zunehmenden Verantwortung in dessen Anwendung einher. Jede neue technische Errungenschaft bringt gleichermaßen eine wachsende Verantwortlichkeit mit sich. Kurzfristiger Fortschritt und Profit dürfen nicht die Hauptkriterien für die Beurteilung eines Vorganges sein, sondern dessen mögliche Langzeitfolgen. Toxikologische Tests konzentrieren sich gegenwärtig nur auf akute toxische Wirkungen anstatt auf langfristige Auswirkungen. Die Beschränkung dieser toxikologischen Versuche auf isolierte Proteine könnte dazu führen, dass andere Auswirkungen, die durch gentechnische Veränderungen hervorgerufen werden, nicht entdeckt werden. Methoden zur Zulassung, Regulierung und Überwachung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel, beziehungsweise Organismen sollten ausschließlich in Anwendung des Vorsorgeprinzips konzipiert und praktiziert werden:

  • Da sich die fundierteste wissenschaftliche Einschätzung als Irrtum erweisen kann, empfiehlt es sich, im Zweifelsfall auf Nummer Sicher zu gehen und lieber potenzielle Vorteile zu verlieren, anstatt vorhandene Risiken herunterzuspielen und im Ernstfall unter schwerwiegenden Konsequenzen leiden zu müssen. Mit anderen Worten: Es ist vorzuziehen, auf eine neuartige, durch Gentechnik erschaffene, Nahrungsmittelvielfalt zu verzichten, deren angenommene gesundheitliche und ökologische Vorteile sich möglicherweise als irrtümlich herausstellen. Dies ist besser, als erhebliche Schäden in Kauf nehmen zu müssen, weil die Risiken fälschlicherweise nicht vorhergesehen wurden.
  • Bei der Beurteilung der Risiken und Vorteile muss ein gewisses Bewusstsein für die Verhältnismäßigkeit ins Spiel gebracht werden. Zieht man zum Beispiel in Betracht, dass potenzielle Schäden der Gesundheit oder des Ökosystems irreversibel, beziehungsweise unheilbar oder unkontrollierbar sein können, ist es absolut notwendig, Vorsichtsmaßnahmen geltend zu machen. Besonders wichtig ist dies bei den Gentechnologien, da sie den "Code des Lebens" selbst verändern. Die gilt besonders, da modifizierte Gene und modifizierte Organismen, die einmal in die Umwelt entlassen wurden, nicht wieder zurückgeholt werden können.
  • Wenn man sich vor Augen führt, dass es eventuell gar nicht möglich ist, die Sicherheit eines genetisch veränderten Organismus eindeutig zu beweisen, kann man auch nicht davon ausgehen, dass das Nichtvorhandensein von Beweisen für mögliche Folgeschäden deren Sicherheit bestätigt. Die Beweislast liegt in diesem Fall nicht bei denen, die Bedenken erheben und auf potenzielle Risiken aufmerksam machen, sondern bei denen, die sich bemühen, die Sicherheit einer neuen gv-Nahrungsmittel festzustellen. Potenzielle Sicherheitsrisiken müssen gründlich und durch die besten verfügbaren wissenschaftlichen Kapazitäten untersucht werden, bevor ein gv-Erzeugnis als unbedenklich eingestuft werden kann.
  • Im Zweifelsfall auf Nummer Sicher!

Transparenz, Mitbestimmung und Verantwortlichkeit

Wir alle tragen die Verantwortung für unsere Handlungen: Wissenschafter, Bauern/Produzenten und Konsumenten wie auch Regierungen und Unternehmen. Wenn wir unsere Verantwortung gegenüber dem Erhalt der Schöpfung und dem Schutz der menschlichen Gesundheit betrachten, werden präzise, unparteiische und verifizierbare Informationen durch eine neutrale Forschung unablässlich. Gleichzeitig wird durch eindeutige Verantwortlichkeit und öffentliche Beteiligung unsere Fähigkeit gesteigert, verantwortungsbewusst zu handeln und um Genehmigungsprozesse jeder Art mit zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen auszustatten.

Soziale Gerechtigkeit und Allgemeinwohl

Gerechtigkeit zählt im Judentum, im Christentum, sowie im Islam und in anderen großen Weltreligionen zu einem der bedeutendsten Grundwerte. Das Prinzip der Gerechtigkeit ist ein wesentliches Element der biblischen Botschaft.(1) In biblischem Sinne bedeutet Gerechtigkeit, verstärkt auf die Bedürfnisse sozialer Randgruppen, Ausgebeuteter und Verarmter zu achten. Gerechtigkeit impliziert außerdem eine Verschiebung der Macht- und Besitzverhältnisse zu einer gerechten Verteilung hin. Ein damit zusammenhängendes ethisches Prinzip ist das Streben nach dem allgemeinen Wohl. In der Praxis heißt das, sich um den größten Nutzen für die größte Anzahl von Menschen zu bemühen. In jeder ethischen Einschätzung müssen die Bedürfnisse der Mehrheit über den Wünschen und Forderungen einiger Weniger stehen. Die Ethik des Allgemeinwohls stimmt mit dem biblischen Anspruch nach Gerechtigkeit überein.

Das genetische Erbe schützen und teilen

Leben darf nicht als geistiges Eigentum oder gar als bloße Ware angesehen werden. Wir können keinen geistigen Besitzanspruch über ganze Organismengruppen geltend machen, nur weil wir ihre genetische Sequenz "entdeckt" oder einige ihrer Komponenten verändert haben. Eine Nahrungsmittelsorte oder eine Gensequenz zum geistigen Eigentum zu erklären, scheint in vielerlei Hinsicht die tatsächliche Quelle des Geschenks der Nahrung und des Lebens zu negieren und zu zerstören. Patente auf Gene und Lebewesen sind eine neue Form des Kolonialismus - Bio-Kolonialismus - und mit Biopiraterie, also Diebstahl gleichzusetzen. (...) Patente, Lizenzverträge und sogenannte "Terminator-Technologien" untergraben das uralte Recht der Bauern, ihr Saatgut einzubehalten, zu entwickeln und zu schützen. Dies kann durchaus eine ernsthafte Gefährdung der Ernährungssicherheit und der Nahrungsmittelsouveränität darstellen – besonders für arme Bauern.

Ökonomie und Humanität

Ein Konzept, das Profit zum einzigen Maßstab und höchsten Zweck wirtschaftlicher Aktivitäten erklärt, ist moralisch nicht zu vertreten. Ein übersteigertes Streben nach Geld wird unweigerlich destruktive Auswirkungen haben. Es ist die Ursache für die vielen Konflikte, die die Gesellschaftsordnung untergraben. Daher sollte jegliche wirtschaftliche oder wissenschaftliche Aktivität – mit der ihr jeweils gemäßen Methode - nur innerhalb der Grenzen moralischer Wertvorstellungen ausgeführt werden. Wissenschaft und Technologie können wertvolle Instrumente sein, wenn sie im Dienste der Menschheit eingesetzt werden und eine ganzheitliche Entwicklung zum Nutzen aller fördern.

Selbstbestimmung und Autarkie

Selbstbestimmung ist eine der fundamentalsten Vorraussetzungen der Menschenwürde. Sie ist primär auf die Freiheit jedes Individuums ausgerichtet, sein eigenes Leben zu bestimmen, entweder allein oder in Gemeinschaft mit anderen. Daraus ergibt sich das Prinzip der Autarkie: Nationen oder Gemeinschaften mobilisieren ihre eigenen Ressourcen, anstatt auf externe Kräfte angewiesen zu sein. GVO sind ein Angriff auf die Ernährungssouveränität der Menschen.

Fazit

Alle hier skizzierten Grundsätze beschreiben im Kern die Integrität des Lebens und dies bedeutet: auf den Wert des Lebens bezogen. Dies ist die Basis für einen moralischen Rahmen. Auf dieser Grundlage wurden moralische Regeln etabliert, Menschenrechte eingefordert und verteidigt, sowie kulturelle, politische und soziale Prioritäten gesetzt. Sie liefert die philosophische Basis für moralisches Verhalten und impliziert die Akzeptanz der Schlussfolgerungen, die sich daraus für das Leben ergeben. Dieses Prinzip ist wesentlich, da die zentralen Themen von Ernährungssicherheit und –souveränität in der Debatte um die Gentechnik ganz direkt mit Leben und Existenzsicherung verbunden sind.
Übersetzung: Stefanie Golla

Fußnote:

  1. Lukas 4: 18-19: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn."
Erschienen in
GID-Ausgabe
167
vom Dezember 2004
Seite 52 - 53

Samuel Chingondole Mpeleka ist stellvertretender Direktor von PACSA und Stipendiat an der Universität von KwaZulu-Natal in Pietermaritzburg (Südafrika). PACSA (Pietermaritzburg Agency for Christian Social Awareness) ist eine ökumenische Nichtregierungsorganisation, die sich für die Transformation der südafrikanischen Gesellschaft auf der Basis von Freiheit, Gleichheit, menschlicher Würde und gegenseitigem Respekt einsetzt. Der Text bildete die Grundlage für eine Reflexion im Rahmen eines Workshops des evangelischen Entwicklungsdienstes (eed), der im Oktober 2004 in Bonn stattfand.

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