Ein Plädoyer für mehr Offenheit
Interview mit Petra Thorn
Die Familiengründung nach Samenspende war in Deutschland lange Zeit ein Tabu. Nun begeben sich die inzwischen erwachsen gewordenen Kinder auf Identitätssuche. Über die psychosozialen Aspekte der so genannten „Donogenen Insemination“ sprach der GID mit der Familientherapeutin Petra Thorn.
Dr. phil. Petra Thorn ist Sozialarbeiterin, Sozialtherapeutin und Familientherapeutin. Sie arbeitet seit 15 Jahren in der psychosozialen Beratung bei Kinderwunsch und ist in zahlreichen deutschen und internationalen Organisationen tätig. Die Donogene Insemination ist eine etablierte Praxis – dennoch redet man darüber meist nur „hinter vorgehaltener Hand“. Warum ist das Thema ein Tabu?
Die Spendersamenbehandlung wurde lange Zeit tabuisiert. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde beispielsweise diskutiert, dass dieser Eingriff moralisch verwerflich sei, da der Samen eines anderen Mannes als der des Ehemanns zur Zeugung eines Kindes führt. Dies wurde vor allem von den Kirchen, aber auch von vielen medizinischen Berufsorganisationen abgelehnt, da es den Beigeschmack einer außerehelichen Zeugung hatte. Zwar führten damals einige wenige Ärzte diese Behandlung durch, doch sie empfahlen den Eltern, weder das Kind noch das soziale Umfeld aufzuklären. Es wurde befürchtet, dass sowohl Kinder als auch die Eltern stigmatisiert werden, wenn diese Zeugungsart bekannt würde. Das Tabu hat sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit lange gehalten. Erst nachdem einige Länder, darunter Schweden, Mitte der achziger Jahre eine Gesetzgebung für diese Familienform eingeführt und unter anderem festgelegt hatten, dass diese Kinder das Recht haben, über ihre Abstammung informiert zu sein, und nachdem sich vermehrt Eltern, Kinder und auch Fachkräfte für einen offenen Umgang mit der Zeugungsart einsetzt hatten, wich das Tabu peu à peu. Inzwischen gibt es einen Trend zum offenen Umgang: Mehr und mehr Paare sprechen darüber, dass sie eine Spendersamenbehandlung durchführen.
Welche Vorstellungen und Stereotypen wurden mit der Samenspende verbunden?
Die Familienbildung mit Spendersamen war mit einigen Befürchtungen verbunden. Man ging davon aus, dass diese Familien in ihrem Umfeld gehänselt werden und dass vor allem die Kinder von ihren Altersgenossen abgelehnt werden würden. Anders als bei einer Adoption verdeutlicht das Bekanntwerden einer Samenspende, dass es der Ehemann ist, der an Unfruchtbarkeit leidet. Da männliche Infertilität tabuisierte war (und ist), war und ist dies für Männer oftmals mit viel Scham verbunden. Darüber hinaus nahm man an, dass Kinder, die über ihre Zeugung informiert sind, nur schwer den sozialen Vater als ihren Vater akzeptieren würden und dass sie sich intuitiv zu dem Spender als genetischen Erzeuger hingezogen fühlen. Auch dachte man, dass das Suchen nach dem Erzeuger für die Kinder frustrierend wäre, da der Spender eben anonym blieb; die Ärzte konnten bis 2006 die Dokumente nach zehn Jahren vernichten.
Sie beraten Paare, die in Erwägung ziehen, eine donogene Insemination in Anspruch zu nehmen. Was bewegt die Menschen, die in Ihre Praxis kommen?
Viele Paare kommen zu mir, weil sie kaum Information zu diesem Thema finden. Sie möchten sich damit auseinandersetzen, wie sie als zukünftige Familie gut mit der Zeugungsart umgehen können. Beispielsweise interessiert sie, wie sie es bewältigen können, dass die Ehefrau soziale und biologische Mutter ist, der Ehemann jedoch nur sozialer Vater. Sie möchten sich darüber informieren, ob eine Aufklärung des Kindes hilfreich ist, und wenn ja, wann entwicklungspsychologisch dazu geraten wird und wie sie dies umsetzen können. Viele Paare möchten ihrem zukünftigen Kind die Möglichkeit offen halten, Informationen über den Spender einzusehen und fragen sich, wie sie dies unter den momentanen rechtlichen Bedingungen am besten ermöglichen können. Ein weiteres, wichtiges Thema ist, inwieweit das soziale Umfeld, vor allem die zukünftigen Großeltern und enge Freunde, in die Bemühungen, mit einer Samenspende ein Kind zu zeigen, involviert werden. Hier gibt es im Vorfeld viele Ängste vor Ablehnung. Ich erfahre allerdings von vielen Paaren, die letztendlich mit Freunden und Verwandten darüber gesprochen haben, dass ihre Entscheidung zur Samenspende akzeptiert wird.
Unterscheiden sich Ihrer Erfahrung nach Männer und Frauen in den Vorstellungen, Wünschen und Ängsten, die sie mit dem Thema „Unfruchtbarkeit“ verbinden?
In der Regel kann man sagen, dass die Erfüllung des Kinderwunsches für Frauen ein zentraleres Anliegen ist als für Männer. Auch gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Bewältigung dieser Krise. Für die meisten Frauen ist es wichtig, sich mitteilen und über Emotionen sprechen zu können, viele Männer suchen nach pragmatischen Lösungen. Gerade bei männlicher Unfruchtbarkeit ist es jedoch für viele Männer nur schwer zu ertragen, dass die Behandlung am Körper ihrer Frau durchgeführt wird und sie wenig oder nichts dazu beitragen können, ihrer Frau dies zu erleichtern. Sie fühlen sich im Rahmen der medizinischen Behandlung marginalisiert und eine donogene Insemination, also die Verwendung des Samens eines anderen Mannes, kann dieses Gefühl verstärken.
Die Samenspende ist auch ein Weg für lesbische Paare, ein „biologisch eigenes“ Kind zu bekommen. Sie stoßen sicherlich auf noch ganz andere Vorurteile und Hindernisse...
In der Tat sind hier die Vorurteile noch größer. Diese Paare müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie bewusst eine vaterlose Familie gründen und damit gegen normative Vorstellungen verstoßen. Auch wurde lange Jahre befürchtet, dass Kinder aus solchen Familien in ihrer psychosexuellen Entwicklung gestört sind und eine höhere Tendenz haben, selbst homosexuell zu werden. Es gibt nach wie vor nur wenige Studien, die die kindliche Entwicklung in dieser Konstellation untersuchen, doch diese zeigen auf, dass diese Kinder sich unauffällig entwickeln. Lesbische Paare bedenken auch, dass diese Kinder stigmatisiert werden könnten, nicht nur aufgrund ihrer Familienzusammensetzung, sondern auch, weil sie mit Hilfe einer Samenspende gezeugt wurden – sie sind sozusagen einem doppelten Stigma ausgesetzt. Allerdings weisen auch hier erste Studien auf, dass diese Kinder diesbezüglich wohl eher eine größere Resilienz aufweisen und relativ souverän mit ihrer Familienzusammensetzung umgehen können.
Grundsätzlich könnten sich Paare, die aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen können, ja auch für eine Adoption entscheiden. Wird diese Möglichkeit in den Beratungsgesprächen mit Ihnen thematisiert? Welche Bedeutung hat der Wunsch eines „biologisch eigenen“ Kindes und warum ist dieser Wunsch offenbar so stark?
In allen Beratungen zur Samenspende wird deutlich, dass sich die Paare auch mit dem Gedanken einer Adoption auseinandergesetzt haben. Das ist auch nachvollziehbar, denn dies ist weit weniger tabuisiert als eine Samenspende. Die Paare, die sich letztendlich für eine Samenspende entscheiden, geben in der Regel mehrere Gründe hierfür an. Für viele, und nicht nur für die Frauen, ist das Erleben der Schwangerschaft wichtig. Andere betonen, dass mit der Samenspende zumindest die Frau die Möglichkeit hat, ihre biologischen Wurzeln weiterzugeben. Auch hat die Samenspende aus der Sicht der Paare den Vorteil, dass man von der Zeugung an eine möglichst „gesunde Umgebung“ für das Kind schaffen kann, denn das Paar kann alle Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen wahrnehmen und sich möglichst gut auf die Geburt vorbereiten. Darüber hinaus gibt es in Deutschland immer weniger Kinder, die für eine Adoption freigegeben werden und manche Paare lehnen die Adoption aus dem Ausland ab.
Eine Samenspende impliziert ja auch immer die Konfrontation mit etwas „Anderem“, „Unbekanntem“. Was bedeutet dies für das Erleben der Schwangerschaft und die Zeit danach?
Für manche Frauen ist es ein ungewohnter Gedanke, den Samen eines Unbekannten in sich zu tragen und damit ein Kind zu zeugen. Auch für einige Männer ist dies gewöhnungsbedürftig, zumal die Paare in der Regel wenig Information über den Spender erhalten. Meist rücken diese Gedanken in den Hintergrund, wenn die vorgeburtlichen Untersuchungen aufzeigen, dass die Schwangerschaft unauffällig verläuft. Manche Männer haben Bedenken, ob sie das Kind nach der Geburt sofort lieben und in ihr Herz schließen, ob sie also eine Bindung herstellen können. Doch auch hier erfahre ich, dass dies in der Regel unproblematisch ist. Vor allem in den Monaten nach der Geburt sind diese Paare, wie alle anderen Paare auch, mit der Umstellung von einem Leben zu zweit auf ein Leben zu dritt konfrontiert, und dies ist für alle Eltern eine Herausforderung, einerlei, wie das Kind gezeugt wurde.
Wie wird Ihrer Erfahrung nach „Verwandtschaft“ in Familien mit „Spenderkindern“ von den Angehörigen definiert? Unterscheiden diese beispielsweise explizit zwischen biologischer und sozialer Vaterschaft beziehungsweise Comutterschaft?
Bei dieser Frage muss man zwischen den Eltern und den Kindern differenzieren. Viele Eltern machen intuitiv einen qualitativen Unterschied zwischen biologischer und sozialer Elternschaft. Sie setzen sich im Vorfeld, wie beschrieben, mit der Frage auseinander, wie sie mit diesem Unterschied umgehen und was er für sie bedeutet. Wenn die Kinder älter werden und sie die Bedeutung eines Samenspenders erfassen können, vor allem in der Pubertät, befürchten die Väter, dass sich das Kind abwenden könnte und den Spender als den Vater im eigentlichen Sinne wahrnimmt. Aus den Untersuchungen von Kindern, die über ihre Zeugungsart aufgeklärt wurden, wissen wir jedoch inzwischen, dass die Kinder recht gut zwischen Vater und Erzeuger unterscheiden können und den Mann als Vater erachten, der die Vaterposition gelebt hat. Manche interessieren sich für den Spender, aber sehen ihn nicht als Vater. Sie sind jedoch neugierig, von wem sie bestimmte Merkmale, Charaktereigenschaften oder Vorlieben haben.
In Ihrem Ratgeber zur Familiengründung mit Samen-spende – bisher dem einzigen im deutschsprachigen Raum – plädieren sie für einen offenen Umgang in der Gesellschaft und im Privaten. Das heißt auch, dass Kinder ab einem bestimmten Alter über ihre Herkunft aufgeklärt werden sollten – sie schlagen das Kindergartenalter vor, wenn Kinder zum ersten Mal danach fragen „woher denn die Babys kommen“. Warum?
Wir wissen mittlerweile, dass es für Kinder am günstigsten ist, frühzeitig über ihre Familienkonstellation Bescheid zu wissen. Eine frühe Aufklärung vermeidet nicht nur einen Bruch in der Identitätsentwicklung des Kindes, sondern auch einen Vertrauensbruch innerhalb der Familie. Auch Eltern erleben es als Entlastung, nicht mit einem Familiengeheimnis leben zu müssen. Um die Aufklärung zu erleichtern, habe ich 2006 ein Buch für Eltern mit Kinder im Kindergartenalter geschrieben, in dem mit einfachen Worten erklärt ist, warum die Eltern das Kind mit Hilfe eines Samenspenders gezeugt haben.
Wer hat mehr Probleme mit einem offenen Umgang? Männer oder Frauen?
Meiner Erfahrung nach sind dies in den Familien, die bislang nicht über die Zeugungsart gesprochen haben, eher die Männer. Dies liegt sicherlich daran, dass mit der Aufklärung über die Samenspende auch bekannt werden würde, dass bei dem Mann eine Unfruchtbarkeit dia-gnostiziert wurde; männliche Infertilität ist nach wie vor stärker tabuisiert als weibliche Unfruchtbarkeit. Wenn die männliche Unfruchtbarkeit über lange Jahre nicht mehr thematisiert wurde, ist es sicherlich nicht einfach, wenn das Thema indirekt wieder an Brisanz gewinnt. Außerdem empfinden sich Männer in einer vulnerableren Position, da sie keine biologische Verbindung zu dem Kind haben. Sie haben Verlustängste und befürchten – unbegründeterweise – eine Ablehnung des Kindes, wenn dieses aufgeklärt wird. Bei den Paaren, die sich vor der medizinischen Behandlung damit auseinandersetzen, erlebe ich dies sehr unterschiedlich. Für beide, Mann und Frau, ist es phasenweise recht schwer, sich vorzustellen, dass man einem Kind eröffnet, dass es einen anderen Erzeuger gibt, da dies nicht gesellschaftlichen Normen entspricht. In den Beratungen und den Seminaren, die ich hierzu durchführe, mache ich jedoch die Erfahrung, dass sich Wunscheltern für eine Aufklärung aussprechen, wenn ihre Ängste und Befürchtungen exploriert und sie ernst genommen wurden und ihnen aufgezeigt wurde, wie sie eine Aufklärung umsetzen können. Denn häufig ist es der Faktor Angst, der dazu führt, dass Eltern nicht aufklären.
In den USA und Großbritannien versuchen Kinder nach Samenspende teils erfolgreich, ihre Geschwister ausfindig zu machen, meist über das Internet. Im Unterschied zu den anonymen Samenspendern, die sie im Allgemeinen nicht als ihre „sozialen Väter“ ansehen, empfinden sie gegenüber diesen Halbgeschwistern anscheinend eine enge familiäre Bindung. Gibt es ähnliche Initiativen auch in Deutschland?
Es gibt erste Anzeichen dafür, dass junge Menschen sich mit ihrer Zeugung auseinandersetzen. Auf meiner Homepage habe ich beispielsweise zwei Links zu solchen Menschen gesetzt. Sie berichten, wie sie von ihrer Zeugung erfahren haben und was dies für sie bedeutet hat. Es bleibt abzuwarten, ob sich auch in Deutschland eine Initiative gründet, die – ähnlich wie in den USA – Kinder und Erwachsene nach Samenspende miteinander verknüpft.
Ende letzten Jahres hat die Regierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Vaterschaftsklärung erleichtert, gleichzeitig aber die soziale Vaterschaft stärken soll. Was halten Sie von dem Entwurf?
Im Bereich der Familienbildung mit Spendersamen gibt es andere juristische Hürden. Noch immer können Kinder die Vaterschaft anfechten und noch immer können auf den Spender juristische Forderungen zukommen, wenn sein Samen nicht für die Insemination eines heterosexuellen, miteinander verheirateten Paar verwendet wird. Diese Aspekte sind in dieser Familienzusammensetzung die nach wie vor kritischen und ungelösten Fragen. Darüber hinaus fehlen rechtliche Regelungen, wann und unter welchen Bedingungen Kinder, beziehungsweise junge Erwachsene das Recht haben, Informationen über ihre biologische Abstammung einzusehen.
Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Ich erhoffe mir eine weitere Entstigmatisierung dieses Familientyps und vor allem eine Klärung der noch offenen rechtlichen Fragen. Ich hoffe auch, dass immer mehr Paare eine Beratung in Anspruch nehmen, um sich mit ihren Ängsten und Fantasien konstruktiv auseinanderzusetzen und zu reflektieren, ob und unter welchen Umständen sie sich auf eine solche Familienkonstellation gut einlassen können.
Das Interview führte Monika Feuerlein
Dr. phil. Petra Thorn ist Sozialarbeiterin, Sozialtherapeutin und Familientherapeutin. Zurzeit ist sie unter anderem erste Vorsitzende des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland e.V. und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises für donogene Insemination e.V. Darüber hinaus ist sie Lehrbeauftragte an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, publiziert im Bereich psychosozialer Aspekte von Unfruchtbarkeit und führt Fortbildungen hierzu durch. Ihr klinischer und wissenschaftlicher Arbeitsschwerpunkt ist die Familienbildung mit Spendersamen (www.pthorn.de).