Drei Jahrzehnte Einmischen und Verändern

Das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) in Berlin ist in diesem Oktober dreissig Jahre alt geworden. Auch in Zukunft sieht es das FFGZ als seine Aufgabe an, den Frauen im Dschungel der Angebote des Gesundheitsmarkts Orientierung zu geben und ihnen ein unabhängiges, kritisches Informationsangebot mit Parteilichkeit für Frauen zur Verfügung zu stellen. Der GID sprach mit Brigitte Sorg vom FFGZ.

Das FFGZ war das erste Frauengesundheitszentrum Deutschlands, leistete also echte Pionierarbeit. Wie haben sich die Schwerpunkte der Arbeit in diesen dreissig Jahren verändert?

Der Blick wurde von Anfang an nicht nur auf die Krankheit von Frauen, sondern ganz speziell auf die gesellschaftlichen Bedingtheit von Gesundheit gerichtet. Es gibt immer noch zwei Standbeine im FFGZ, zum einen die Weitergabe und Vermittlung von Informationen, zum anderen die politische Arbeit. Unsere Themen haben sich im Laufe der Jahre verändert und weiterentwickelt. Schwerpunkte - neben einem breiten Themenspektrum wie unnötige medizinische Eingriffe, zum Beispiel Gebärmutterentfernungen und Myome - sind mittlerweile die Gesundheit von Frauen in und nach den Wechseljahren, Brustgesundheit, gesundheitliche Langzeitfolgen von sexueller Gewalt und Patientinnenschulungen für sozial benachteiligte Frauen. Die Verhütungsberatung, die wir bereits seit siebenundzwanzig Jahren anbieten, ist heute immer noch ein Thema.

Hat sich in dieser Zeit das Selbstverständnis der Frauen und ihr Umgang mit Verhütung/mit ihrem Körper verändert?

Ich denke, Frauen, die hierher kommen, wollen auf alle Fälle einen anderen Umgang mit ihrem Körper, sonst würden sie kein Diaphragma oder eine Portiokappe haben wollen. Die meisten haben dann auch schon eine Odyssee hinter sich, mit Pille, Spirale und allem Möglichen, was es so gibt. Es gibt ja immer wieder neue Methoden, das Pflaster, den Ring... meistens handelt es sich um hormonelle Verhütungsmittel und die Frauen wollen das eben nicht, deshalb kommen sie hierher in die Beratung. Was mich immer wieder erschreckt, ist, wie wenig Frauen über ihren Körper und über den Zyklus Bescheid wissen. Ich denke, das liegt an der Pille. Die meisten Frauen haben ja die Pille genommen, teilweise über viele Jahre, dadurch haben sie überhaupt keinen Bezug mehr zu ihrem Körper und ihrem Zyklus. Sie wissen gar nicht, was mit ihrem Körper passiert, zum Beispiel merken sie nicht, wann sie ihren Eisprung haben. Dabei ist es eigentlich ziemlich einfach, das herauszufinden. Es ist immer wieder erschreckend, wie weit weg manche Frauen von ihrem Körper sind.

Es gibt ja einige Alternativen zur Pille, die ihr im Rahmen eurer Verhütungsberatung den Frauen vorstellt. Diese scheinen sich jedoch nicht wirklich durchsetzen zu können. Woran liegt das?

Die meisten Frauen sind einfach schlecht informiert. Wenn irgendetwas Neues auf den Markt kommt, wie zum Beispiel das Verhütungspflaster, dann wissen die Frauen in null Komma nichts Bescheid. Bei Portiokappe oder Diaphragma kennt sich fast niemand aus. Es liegt einfach an der Marketingkampagne beziehungsweise Nicht-Kampagne, in diesem Fall. Wenn die Frauen mehr wissen würden über alle Verhütungsmittel, würde sich sicherlich ein höherer Prozentsatz für die Kappe und das Diaphragma entscheiden. Aber für manche Frauen sind sie auch nicht das Richtige. Manche sagen auch, dass sie gut mit der Pille klarkommen, andere wiederum kommen damit überhaupt nicht klar oder betrachten sie als das kleinere Übel. Es kommt nur darauf an, was der Einzelnen sympathisch ist. Jede Frau muss das für sich herausfinden.

Die US-Firma Barr-Laboratories hat im Herbst 2003 die neue Pille Seasonale auf den US-amerikanischen Markt gebracht, bei deren Einnahme Frauen nur noch viermal im Jahr ihre Menstruation haben. Seitdem gab es mehr als 260.000 Verschreibungen, Tendenz steigend. Ist damit zu rechnen, dass diese Pille demnächst auch in Deutschland zu haben ist?

Ich denke, ja. Es ist nur eine Frage der Marketingstrategie, der Schaffung von ”Compliance” bei den Frauen. Es wird ja immer Marktforschung durchgeführt, ob sich etwas auch rentiert. Das ist auch ein Grund dafür, warum es die Pille für den Mann immer noch nicht gibt.

In Deutschland wird doch bei der normalen Pille schon lange die Verschiebung der Menstruation durch Auslassen des einnahmefreien Intervalls praktiziert, worin liegt denn der prinzipielle Unterschied zur Seasonale?

Im Prinzip ist das nichts Neues. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Seasonale kontinuierlich über 84 Tage eingenommen wird. Die Frauen benutzen auch jetzt schon die Pille, um ihre Regel zu verschieben. Der Preis ist aber teilweise hoch. Eine Frau hat mir berichtet, dass sie eine furchtbare Migräne bekommen hatte, drei Tage lang! Durch den Hormonentzugsschock, das abrupte Absetzen kam es zu einem heftigen Migräneanfall.

Mit welchen Nebenwirkungen und Risiken ist denn bei Langzeitanwendungen von Seasonale zu rechnen? Gibt es überhaupt Untersuchungen dazu?

Bei der Seasonale wird es dieselben Nebenwirkungen geben wie bei der herkömmlichen Pille. Wenn man sich den Beipackzettel der normalen Pille anschaut, ist die Liste mit den Nebenwirkungen ziemlich lang... Langzeitstudien gibt es aber noch nicht, das ist eben gerade das Problem.

Von Rolf-Dieter Hesch, Endokrinologie-Professor der Uni Konstanz, war unlängst zu hören, die Menstruation sei ”zu keinem Zeitpunkt notwendig noch sinnvoll”, falls eine Frau nicht vorhabe, schwanger zu werden. ”In der Natur ist die Frau schwanger oder sie stillt”. Menstruation wird umgedeutet zum unnatürlichen, fast krankhaften Geschehen: also etwas, das eigentlich besser zu vermeiden sei.

Ist die Spermaproduktion ohne Zeugungszweck notwendig oder sinnvoll? Diese Frage wird nicht gestellt. Muss sie auch nicht, Genauso wenig wie die nach der Notwendigkeit der Menstruation. Es ist so. Die Umdeutung sehe ich auch als Gefahr bei dieser neuen Pille, auch wenn die meisten Frauen diese nicht nehmen wollen. Wenn diese Frauen irgendwann dann Menstruationsprobleme haben, so wird es später heißen: Du bist ja selbst schuld, du musst doch nicht menstruieren, es gibt doch diese Pille! Es ist dann also quasi die ”Schuld” der Frauen, wenn sie mal nicht so fit sind. Das passt ja auch in den Zeitgeist: Es gibt fragwürdige Untersuchungen, die besagen, dass die Produktionskraft von Frauen vor oder während ihrer Menstruation um ein Viertel nachlässt, im Sinne der Effektivität kann man also viele Argumente heranziehen. Es besteht also die Gefahr, dass die Schuld den Frauen zugeschoben wird: ”Das muss doch heutzutage nicht mehr sein”. Es ist ja auch in der Tat so, dass Menstruation immer noch ein ganz ganz großes Tabu darstellt und mit Unreinheit belegt ist. Das hängt sicherlich auch mit der Religion zusammen: Im Christentum, im Judentum und im Islam gilt ja die menstruierende Frau als unrein. Das Thema insgesamt ist in unserer Gesellschaft sehr tabuisiert, da hat sich auch nichts geändert in den letzten Jahren. In der Fernsehwerbung für Tampons oder Binden war das Blut früher blau, mittlerweile ist gar keine Flüssigkeit mehr zu sehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menstruation durch die Seasonale noch weiter tabuisiert wird.

Diese Diskussion kam ja erst zu dem Zeitpunkt auf, als hormonelle Verhütungsmittel auf den Markt kamen (wie das implantierbare Stäbchen oder die Dreimonatsspritze), bei denen häufig die Blutung einfach ausbleibt. Alles also nur Propaganda?

Es geht wie schon gesagt darum, die Compliance zu erhöhen. Es gibt ja diese Konstruktion mit dem Krebs: dass die Frauen in den westlichen Industrienationen zu früh beginnen, zu menstruieren, zu spät aufhören, zu wenig Kinder bekommen, ergo sie menstruieren zu häufig. Das führt zu zuviel Zellwachstum und Zellteilung und erhöht die Krebsgefahr. Das ist die eine Schiene, die andere ist: dass die Frauen mit ihrer Menstruation nicht klarkommen und Probleme damit haben. In der Tat haben viele Frauen Probleme mit ihrer Menstruation. Aber sie gehört nichtsdestotrotz zum Selbstbild von Frauen. Den meisten Frauen wäre es auch unheimlich, ihre Menstruation nicht zu haben. Manche werden Seasonale sicher auch als bequeme Methode sehen, sich ihrer zu entledigen. Die Strategie ist also: Man muss die Frauen nur ausreichend ”aufklären”, man muss es ihnen nur lange genug erklären, dann glauben sie es auch. Aber ich vertraue da auf die Frauen, dass sie es sich eben nicht erklären lassen! Auch hier ist Verbraucherschutz und Aufklärung gefragt. Ich vermute, es geht hier um eine schlaue Marketingstrategie. Mit Hormonen hat sich einfach schon immer viel Geld verdienen lassen und dieser Markt ist aufgrund dem Abbruch der WHI-Studie zur Hormontheraphie in den Wechseljahren eingebrochen. Da ist ein Riesen-Markt weggebrochen und da muss jetzt langsam etwas anderes aufgebaut werden. Das hört sich jetzt ein bisschen verschwörungstheoretisch an, aber ich denke, das geht jetzt schon in diese Richtung. Hormonelle Verhütungsmittel haben einfach eine riesige Lobby. Da lässt sich einfach unglaublich viel Geld damit verdienen. Die Seasonale wird richtig schön vermarktet: ”Sie haben nur viermal im Jahr ihre Menstruation, Im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter”. Das hört sich doch nett und unkompliziert an!

Und dann ist es ja auch nicht mehr weit bis zum nächsten Schritt: Die Blutung ganz ausfallen zu lassen.

Genau. Aber ich hoffe, dass die Frauen das nicht mitmachen. Ein ganz entscheidender Punkt ist (und bei der Seasonale wird das vermutlich noch stärker sein als bei der herkömmlichen Pille), dass nämlich die Lust auf Sex einfach nachlässt. Das ist eine Nebenwirkung, die ist inakzeptabel. Ich hoffe, dass Frauen sich das nicht gefallen lassen. Das ist ja auch etwas, was von den Frauen oft gar nicht damit in Zusammenhang gebracht wird, was schwer messbar ist, es ist zu diffus. Das muss mehr in den Vordergrund gestellt werden, finde ich.

Das Interview führte Theresia Scheierling

Erschienen in
GID-Ausgabe
166
vom Oktober 2004
Seite 46 - 47

Brigitte Sorg, Sozialpädagogin und Gesundheitswissenschaftlerin, ist seit 1997 Mitarbeiterin des Feministischen Frauengesundheitszentrums e.V. Berlin (www.ffgz.de). Sie arbeitet zu den Themen Geschlecht und Gesundheit, Verhütung und Reproduktionstechnologien.

zur Artikelübersicht