Der unentschlossene Papst

Papst Benedikt XVI und die grüne Gentechnik

Der Heilige Stuhl hat Berichte über die Unterstützung des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen zwar erst Ende letzten Jahres dementieren lassen. Damit wird er aber nicht zu einem zuverlässigen Weggefährten für die Kritikerinnen und Kritiker der Agro-Gentechnik. Ein Kommentar.

Unentschlossenheit ist eigentlich nicht die vorherrschende Eigenschaft von Joseph Ratzinger, alias Papst Benedikt XVI. Normalerweise fällt er klare Urteile und begründet sie hochwissenschaftlich. In Sachen grüner Gentechnik scheint er jedoch hin- und hergerissen. Zwar dementierten die Sprecher des Papstes erst vor kurzem, dass der Vatikan den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft befürworte. Mit diesem Dementi reagierten sie auf die Ergebnisse einer Konferenz an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Auf dieser Konferenz hatten zahlreiche Befürworter von grüner Gentechnik, darunter auch Lobbyisten der Gentech-Konzerne, teilgenommen. Entsprechend kamen sie zu einer umstrittenen Schlussfolgerung: „In geeigneter Weise und verantwortlich angewandt, kann Gentechnologie wesentliche Beiträge zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und der Nahrungsqualität leisten - durch Verbesserung des Ertrags und der Nahrungsqualität der Pflanzen, durch verbesserte Resistenz gegenüber Schädlingen wie auch durch Erhöhung der Toleranz gegenüber Dürre und anderen physikalischen Stresssituationen.“ So könne vielen Menschen, besonders in Entwicklungsländern, geholfen werden.

Eingriff in Gottes Schöpfung?

Dass der Papst dieser Verteidigung der grünen Gentechnik eigentlich nicht zustimmen kann, ergibt sich aus seiner Theologie. Nirgendwo ist die päpstliche Lehre so dogmatisch wie in jenen Fragen, in denen der Mensch in „Gottes Schöpfung“ eingreift. So lehnt der Vatikan - und besonders der aktuelle Papst - jeden menschlichen Eingriff in Gottes Schöpfung rigoros ab: Abtreibung, künstliche Empfängnisverhütung und alle medizinischen Anwendungen der Gentechnologie, die in das menschliche Erbgut eingreifen. Dies gilt auch, obwohl der Papst erst kürzlich die Anwendung von Kondomen in besonderen Ausnahmefällen erlaubt hat. In dieser Logik müsste Papst Benedikt XVI. auch die grüne Gentechnik als Eingriff in Gottes Schöpfung ablehnen. Doch das tut er so konsequent nicht. So erwähnt er zwar die grüne Gentechnik in seiner Sozialenzyklika „caritas in veritate“ aus dem Jahre 2009 nicht direkt. Er schreibt jedoch, dass es sich als „hilfreich erweisen könne, die neuen Möglichkeiten ins Auge zu fassen, die sich durch den richtigen Einsatz traditioneller wie auch innovativer landwirtschaftlicher Produktionstechniken auftun“. Mit diesem Satz können zwar auch Kritiker der grünen Gentechnik in kirchlichen Verbänden leben, da ja auch sie innovative Techniken beispielsweise in der biologischen Landwirtschaft nicht ablehnen. Eher wirtschaftsorientierte Sozialethiker wie Professor André Habisch von der Universität Eichstätt - er berät den Bund katholischer Unternehmer - sehen jedoch in diesem Satz in der jüngsten Sozialenzyklika „eine vorurteilsfreie Bewertung der Gentechnik in der Landwirtschaft“ durch den Papst. Und sie liegen dabei durchaus richtig. Trotz aller Dementis gegenüber den Ergebnissen der Wissenschaftler-Tagung an der Päpstlichen Akademie sind der Vatikan und der Papst keine verlässlichen Bündnispartner für die genkritische Bewegung.

Wolfgang Kessler ist Chefredakteur der kirchenunabhängigen christlichen Zeitschrift Publik-Forum (www.publik-forum.de).

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
204
vom Februar 2011
Seite 43

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