Tierwohl mit der GenSchere?

Biotechnologische Züchtungsmethoden ethisch betrachtet

Die industrielle Tierhaltung bedeutet für die Tiere vor allem Leid. Ein Ende dieser Zustände ist dringend geboten, aber nicht absehbar. Ist die neue Gentechnik auf dem Weg zu einer tierfreundlicheren Landwirtschaft vertretbar? Eine Annäherung aus ethischer Perspektive. 

Gruppe von Rindern auf einer grasbewachsenen Fläche, einige mit Halsbändern

Ist die gentechnische Herstellung hornloser Rinder eine ethisch vertretbare Alternative zum schmerzhaften Enthornen von Kälbern?

Rindern werden die Hörner entfernt, Vögeln die Schnäbel abgeschnitten, Ferkel werden kastriert. Die Liste von schmerzhaften Eingriffen, die Menschen an Nutztieren vornehmen, ist lang. Die meisten Nutztiere werden heutzutage unter industriellen Bedigungen gehalten. Ihr Leben wird dabei fast ausschließlich von Produktionsinteressen bestimmt. Sie können sich nicht richtig bewegen und miteinander interagieren. Die Produktionsbedingungen setzen sie zudem einem hohen Risiko für Verletzungen und Infektionskrankheiten aus. Tiere in Massentierhaltung leiden auf vielfältige Weise und ihr Leben ist kurz.

Vor diesem Hintergrund wird die Frage, wie eine tierfreundlichere Praxis der Viehzucht realisiert werden kann, immer dringlicher. In diesem Zusammenhang wird in der Forschung seit einigen Jahren auch über eine technische „Verbesserung” von Nutztieren nachgedacht – in zweierlei Hinsicht: Wissenschaftler*innen arbeiten an Projekten, die einerseits das menschliche Interesse an höheren Mengen tierlicher Produkte und verbesserter Produktqualität befriedigen, andererseits aber auch den Schutz der Tiere vor Leiden, Stress und Beeinträchtigungen verbessern sollen.

Hierbei bieten insbesondere die Techniken der Genomeditierung neue Möglichkeiten zur biotechnologischen Züchtung von Tieren, die weit über die bisherigen Methoden hinausgehen. Mit ihnen ist es möglich, Tiere mit gewünschten Merkmalen hervorzubringen, ohne dass diese an andere, möglicherweise unerwünschte Merkmale gebunden sind. Zudem können die Zuchtzyklen verkürzt werden.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Forschungsprojekten, die an Krankheitsresistenzen, der Vermeidung von schmerzhaften Eingriffen oder einer Toleranz gegenüber schädlichen Haltungs- und Umweltbedingungen arbeiten. Dies sind Zuchtziele, die sowohl im Interesse der Produktion als auch im Interesse des Tierschutzes liegen. Wie lassen sich solche Eingriffe beurteilen, die zwar Leid zu vermeiden suchen, aber offenkundig zur Aufrechterhaltung einer moralisch problematischen Praxis beitragen? Denn die Krankheiten, gegen die „verbesserte“ Tiere angeblich resistent sein sollen, sind überwiegend sogenannte Produktionskrankheiten. Mit anderen Worten: Es handelt sich um Krankheiten, die hauptsächlich durch die Art der Tier- und Stallhaltung, der Fütterung und durch das Herdenmanagement verursacht werden. Gleiches gilt für das Enthornen von Kälbern. Dass Rinder mit Hörnern eine Verletzungsgefahr für ihre Artgenossen oder die mit ihnen umgehenden Menschen darstellen, liegt im Wesentlichen an den Bedingungen, unter denen sie gehalten werden. Zugleich könnten die genomeditorischen Eingriffe für die betroffenen Tiere in mancher Hinsicht eine Verbesserung gegenüber dem Status quo darstellen.

Für einen pragmatischen Reformismus

Aus der Perspektive von abolitionistischen Tierethiken 1 – die typischerweise (zumindest einigen) Tieren Rechte zuschreiben, darunter etwa das Recht, vor jeder Form der Instrumentalisierung geschützt zu werden – lässt sich der Einsatz von Methoden der Genomeditierung zur Verbesserung des Wohlergehens von Nutztieren – wenn überhaupt – nur schwer rechtfertigen. Im Gegenteil: Die biotechnologische Anpassung von Tieren an die Produktionsbedingungen verstetigt den Skandal, der mit der Nutzung von Tieren einhergeht.

Auch wenn manches für das abolitionistische Argument sprechen mag – unserer Auffassung nach sollte die Ethik nicht nur etwas darüber aussagen, was ungerecht ist, sondern auch darüber, wie wir einem moralisch geforderten Zustand näherkommen können. Deshalb schlagen wir einen „pragmatischen Reformismus“ nach Haynes vor.2 Dieser zielt darauf ab, Tiere vor Nutzungsformen zu bewahren, die ihr Wohlergehen beeinträchtigen. Er akzeptiert jedoch, dass man auch dann daran arbeiten muss, die bestehenden Bedingungen zu verbessern, wenn diese Verbesserungen hinter dem moralischen Ideal zurückbleiben.

An dieser Stelle scheint uns ein Rückgriff auf die von John Rawls eingeführte Unterscheidung zwischen einer idealen und einer nichtidealen tierethischen Theorie hilfreich.3 Mithilfe der idealen Theorie lässt sich bestimmen, was unter günstigsten Umständen sein soll. Die ideale Theorie formuliert, mit anderen Worten, eine „realistische Utopie“. Realistische Utopien entfernen sich mit ihren normativen Forderungen mitunter zwar sehr weit von dem, was in der faktisch vorfindlichen Welt umsetzbar ist – eben deshalb sind sie utopisch. Sie verlangen aber nichts Unmögliches und verstoßen nicht gegen das, was Menschen grundsätzlich tun können.

Dieser idealen Theorie kann, wie von Rawls vorgeschlagen, eine nichtideale Theorie zur Seite gestellt werden, die untersucht, wie die durch die ideale Theorie vorgegebenen langfristigen Ziele erreicht werden können. Die nichtideale Theorie übernimmt somit eine wichtige Übergangsfunktion. Eine nichtideale Theorie sollte versuchen, ein Gleichgewicht zwischen dem Anspruchsniveau der idealen Theorie und dem Realismus der nichtidealen Theorie herzustellen. Es muss aber überwiegend gute Gründe dafür geben, warum wir sie in einer nichtidealen Welt gleichwohl akzeptieren sollten.

Nur im Sinne des Tierwohls

Unter der hypothetischen Annahme, dass die Entwicklung von Genomeditierungsmethoden moralisch vertretbar durchgeführt werden kann und dass ihre Anwendung ausreichend sicher ist, sollte unseres Erachtens daher zunächst geprüft werden, ob ein Züchtungsprojekt überhaupt eine Verbesserung des Tierschutzes im Vergleich zur Elterngeneration bewirken kann. Wenn dies nicht der Fall ist, bewegen wir uns nicht auf das Ideal zu. Es muss daher moralisch abgelehnt werden. Ein Beispiel sind derzeitige Projekte, die darauf abzielen, den sogenannten Ebergeruch zu vermeiden.

Wenn ein Projekt eine Verbesserung des Tierschutzes verspricht, ist in einem zweiten Schritt zu entscheiden, ob die Züchtung moralisch tolerierbar ist. Das bedeutet: Auf Grundlage des Prinzips, dass die Interessen von Menschen und Tieren in gleicher Weise berücksichtigt werden, müssen die wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Hindernisse, die dieser gleichen Berücksichtigung im Wege stehen, identifiziert und – so weit wie möglich – beseitigt werden.

In der Praxis bedeutet dies, dass genomeditorische Eingriffe möglicherweise dazu genutzt werden sollten, Kälbern eine schmerzhafte Enthornung zu ersparen. Sofern schmerzhafte Eingriffe faktisch unausweichlich sind – sei es aufgrund der gegebenen ökonomischen Strukturen oder weil sie vorgeschrieben sind –, muss geprüft werden, welche der verfügbaren Optionen die geringste Schädigung der Tiere verursacht. Da das Enthornen oder die Zerstörung der Hornanlage bei Kälbern nicht nur ein schmerzhafter Eingriff ist, sondern auch chronische Schmerzen nach sich ziehen kann, scheint uns das Enthornen von Kälbern dem Tierwohl schädigender zu sein als die gentechnische Herstellung hornloser Rinder. Dies gilt allerdings nur, wenn man unterstellt, dass das Fehlen von Hörnern keinen negativen Einfluss auf das Wohlergehen der Tiere hat – was jedoch umstritten ist.

Ein Schritt hin zur Agrarwende

Ob sich genomeditorische Eingriffe an Nutztieren moralisch rechtfertigen lassen, hängt also von einer Vielzahl von Faktoren ab. Nicht zuletzt ist entscheidend, welche Auswirkungen der Eingriff auf das subjektive Wohlbefinden der Tiere hat und ob es realistische Alternativen gibt, um das Problem, das mit der Genomeditierung „gelöst” werden soll, wirksam anzugehen. Folgt man dieser Idee, lässt sich die Herstellung von genomeditierten Tieren moralisch aber nur dann rechtfertigen, wenn sie für sich genommen ethisch tolerierbar, durchsetzbar und voraussichtlich wirksam ist. Wobei sich die Wirksamkeit daran bemisst, inwiefern die Herstellung von genomeditierten Tieren dazu geeignet ist, einen Beitrag zu einer tiergerechteren Nutztierhaltung zu leisten – und letzten Endes auch einen Schritt in Richtung einer grundlegenden Agrar- und Ernährungswende bedeutet.

  • 1

    Der Abolitionismus in der Tierethik geht davon aus, dass jegliche Nutzung von Tieren und der Tierbesitz abzuschaffen sind

  • 2

    Haynes, R.P. (2008): Animal Welfare. Competing Conceptions and their Ethical Implications. Springer

  • 3

    Rawls, J. (2002): Das Recht der Völker. De Gruyter.

Erschienen in
GID-Ausgabe
276
vom Februar 2026
Seite 16 - 17

Dr. Ach ist Professor und wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Bioethik an der Universität Münster

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Dr. Hiekel war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Bioethik in dem Projekt „Tierwohl durch Genom-Editierung?“ 

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