Rezension: Wissenschaft und „Rasse“-Konzepte

Rassekonzepte erfuhren in den letzten beiden Jahrzehnten eine Renaissance und Ausweitung in den Wissenschaften vom Leben. Die Soziologin Ann Morning fragt in ihrer Studie danach, wie heute in Amerika über „Rasse“ gedacht wird. Ihr Ausgangspunkt ist, dass soziale Stratifizierung, Vorurteile und Stereotypen rassistischen Denkens gut untersucht sind, die wissenschaftliche Konzeptualisierung von „Rasse“ aber nicht. Morning hat deshalb über 90 Lehrbücher der Sozialwissenschaften und der Biologie auf die in ihnen enthaltenden Rassemodelle analysiert. Darüber hinaus hat sie ProfessorInnen sowie Studierende der Anthropologie und Biologie interviewt, um deren Lehr- und Lerninhalte beziehungsweise eigenes biologisches Rasseverständnis zu erfahren. Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, welche Rassekonzepte heute von WissenschaftlerInnen vertreten werden, wie diese Teil formaler Bildungsinhalte sind und von Studierenden angenommen werden. Morgan interessiert dabei die doppelte Frage, wie wissenschaftliche Ideen popularisiert werden und Alltagsverständnisse verwissenschaftlicht wird. Eines der wesentlichen Ergebnisse von Mornings Studie ist, dass es eine große „Diversität an Konzeptualisierungen“ gibt. Sowohl in soziologischen als auch in biologischen Lehrbüchern findet sich eine sonderbare Mischung von essentialistischen und konstruktivistischen Aspekten. Das Konzept der „Rasse“, so folgert sie, ist in den letzten 50 Jahren kaum verschwunden, sondern mehrfach redefiniert und zu anderen Themen und Gegenständen in Beziehung gesetzt worden. Vor allem aber hat es eine Verschiebung von „phänotypischen zu genotypischen“ Konzepten „rassischer Differenz“ gegeben. Keines der untersuchten biologischen Lehrbücher weist ein Rasseverständnis auf, das auf sozialen, politischen und historischen Aspekten aufbaut. In soziologischen Lehrbüchern finden sich neben sozialen Definitionen Versuche, „rassische“ Einteilungen anhand biologischer Differenzen vorzunehmen. In den Interviews fand Morning eine große Bandbreite von Positionen, die von sozial-kulturellen Konzeptionen bis zu essentialistisch-biologischen Verständnissen reichen, wobei kulturelle Rassekonzeptionen nur von einer Minderheit vertreten werden. Mornings Buch ist eine systematische Untersuchung aktueller essentialisierender Rassemodelle in wissenschaftlichen Kontexten. Das Buch rüttelt auf und zeigt, wie notwendig kritische Interventionen in den jeweiligen wissenschaftlichen Diskursen sind.
Tino Plümecke
Ann Morning: The Nature of Race. How Scientists Think and Teach About Human Difference. University of California Press, Berkeley (2011), Paperback, 328 Seiten, 26 US-Dollar, ISBN: 9780520270312.

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
214
vom Oktober 2012
Seite 45

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