Substanzielle Politik

Einführung

Ihre Bedeutung, so der französische Soziologe Robert Castel, erlangt die Psychiatrie nicht etwa daher, weil sie die einzig sinnvolle Antwort auf eine anthropologische Konstante „psychischer Krankheit“ oder „seelischer Krise“ sei. Vielmehr verdanke sie ihre Position einer von Staat und Gesundheitswesen getragenen „Politik der geistigen Gesundheit"“ die der sozialen Kontrolle dient und sich mittlerweile als „Psychiatrisierung des Alltags“ vollziehe. Castels Analyse stammt aus den 1970er Jahren; sie war und ist ein wichtiger Ausgangspunkt kritischer Auseinandersetzungen mit der Psychiatrie. Aber was sagt sie über die heutige Situation? Taugt sie noch, um die enorme Ausweitung der Psychopharmakabehandlung, die Verfilzungen von Pharmaindustrie, Forschung und Klinik oder gar die Entwicklung einer "psychiatrischen Genetik" zu verstehen? Sind nicht bei aller berechtigten Kritik auch positive Tendenzen zu beobachten wie etwa ein vielfältiges und zum Teil innovatives Versorgungsangebot oder eine stärkere Klient_Innenzentrierung - und insbesondere: radikale Alternativen zur Psychiatrie? Die Beiträge des vorliegenden Heftes nähern sich diesen Fragen von verschiedenen Seiten. Vanessa Lux untersucht, wie sich das Ende des genetischen Determinismus in der psychiatrischen Genetik auswirkt. Sie stellt fest, dass sich die These von der ererbten „Anfälligkeit“ für seelische Leiden keinesfalls erübrigt hat: Auch ohne eindeutige Korrelationen zwischen einzelnen Genen und ver-rückten Zuständen wird weiter nach genetischen Ursachen gesucht. Für Stefan Weinmann ist das Ausdruck einer biologischen Phase der Psychiatrie, die sich durch die Entwicklung und Zulassung von Psychopharmaka verfestigt. Er beschreibt in seinem Beitrag methodische Tricks und andere Strategien von Arzneimittelherstellern, die die Wirksamkeit insbesondere von Antidepressiva besser aussehen lassen. Während er als Psychiater ambivalent bleibt, was die Verschreibung der Mittel anbelangt, denkt Stefanie Graefe aus der Sicht potenzieller User_Innen über Antidepressiva nach. Auch sie kritisiert gesellschaftliche Strukturen und Interessen, die auf depressive Zustände mit biochemischen Substanzen reagieren, und auch sie argumentiert, dass der Griff zur Pille entlasten kann. Inwiefern Psychopharmaka zu strukturellen Veränderungen in der Psychiatrie beigetragen haben, untersucht Viola Balz. Sie vertritt die These, dass die Substanzen der Sozialpsychiatrie zur Durchsetzung verholfen haben, indem an die Stelle der Disziplinierung als Hauptform psychiatrischer Kontrolle die psychopharmakologische Manipulation getreten ist. Dass medikamentöse Behandlung für Betroffene häufig bedeutet, sich der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen nicht stellen und sie deshalb auch nicht überwinden zu können, schildert Terry Simpson im Interview. Wir sprachen mit ihm über ein geplantes Projekt zur Entwöhnung von Psychopharmaka, das von Betroffenen betrieben und kontrolliert werden soll. Inwiefern Betroffenenkontrolle eine echte Alternative zur Psychiatrie ist, geht aus dem Bericht von Stefan Bräunling und Christina Winsloe über die Konferenz „Auf der Suche nach dem Rosengarten“ hervor: Erst das Wissen von Betroffenen ermöglicht neue, andere gesellschaftliche Antworten auf Erfahrungen von Ver-rücktheit. Bis dahin, das ist die Botschaft der Beiträge in diesem Heft, ist es noch ein weiter Weg. Einstweilen nehmen die Umsätze der Psychopharmaka-Hersteller zu, die biologische Psychiatrie hat die Seele fest im Griff. Wer nun angesichts dieser Situation Depressionen bekommt, ist womöglich gut aufgehoben beim „International Day of the Politically Depressed“. „Depressed? It Might Be Political!“, so lautete der Slogan einer der Demonstrationen, zu denen die Teilnehmer_Innen in Bademantel und Hausschuhen erschienen, in der Hand Whisky, Baldriantinktur und andere Mittel der Selbstmedikation. Ziel des „Feel Tank Chicago“, der die Aktionen organisiert, ist es, Gefühle wie Niedergeschlagenheit, Frust, Aggression oder Apathie aus der Versenkung der Individualisierung und Pathologisierung herauszuholen.1 Es geht darum, ihre kollektive und politische Dimension bewusst zu machen, sie (auch) als Signal für fehlende oder eingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe am sozialen und öffentlichen Leben zu lesen, und sie als Impuls für politische Aktivitäten zurückzugewinnen. In diesem Sinne: Auf zum „depress in“!

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
208
vom Oktober 2011
Seite 6

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