„Eine Gesellschaft ohne Konkurrenz und Leistungsdenken“

Positionspapier zu Selbstbestimmung und Reproduktionstechnologien

Jedes Jahr im September demonstrieren christliche FundamentalistInnen in Berlin gegen das Recht auf Abtreibung. Schwangerschaftsabbrüche bezeichnen sie seit kurzem auch als „Euthanasie“. Die Kritischen Feministinnen, eine Berliner Gruppe, die unter anderem das Selbstbestimmungsrecht von Frauen verteidigt, nahm die Demonstration und ihre Slogans in diesem Jahr zum Anlass für ein Positionspapier, das wir hier in Auszügen dokumentieren. Der gesamte Text findet sich unter www.kurzlink.de/GID214_a.
(...) Das Recht auf „Selbstbestimmung“ (...), die Forderung, dass keine_r über den Köper und den Lebenswandel einer Frau entscheiden können soll, ist auch heute noch berechtigt und wichtig. Heute wird (...) Selbstbestimmung jedoch häufig individuell eingefordert, ohne die Frage nach der sozialen Bedingtheit der Wünsche zu stellen. (...) Unter dem Label der freien Entscheidung und der persönlichen Autonomie wird das „gewählt“, was am besten zu passen scheint - oft nur die Weiterführung machtförmiger Verhältnisse im Privatleben. In einer auf Zwängen, Ungerechtigkeiten und Konkurrenz beruhenden Gesellschaft kann es jedoch keine wirklich freien Entscheidungen geben. (...)
Wir wenden uns gegen eine Definition von „Behinderung“ als „krank“ und als identitäres Merkmal der „Betroffenen“ in zwangsläufiger Verknüpfung mit „Leiden“. Die Annahme, dass dieses „Leiden“ verhindert werden könne und auch müsse, führt zu einem Selek­tions-Prozess und einer „Eugenik von unten“. Wir kritisieren die weit verbreitete und normalisierte Anwendung von Pränataldiagnostik (PND), zu der auch Ultraschalluntersuchungen gehören, und die kürzlich erfolgte Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Mit Selbstbestimmung als emanzipatorischem Freiheitsbemühen haben Methoden wie PND/PID nichts zu tun.
Die Forderung nach individueller Entscheidungsfreiheit über Abtreibung richtet sich (...) gegen die herrschenden, patriarchalen Verhältnisse und gegen das immer noch geltende Frauenbild als Mutter und Fürsorgerin. Durch die Forderung, dass Frauen über ihre eigenen Körper ohne die Erlaubnis des Erzeugers oder des Staates entscheiden können sollen, wird gleichzeitig die Frau als autonomes selbstverantwortliches Subjekt postuliert.(...) Die immer weitere Ausbreitung von PN- und PI-Diagnoseverfahren ist hingegen als Ausweitung der Möglichkeiten zur „Normalisierung“ und „Optimierung“ zukünftigen Nachwuchses zu sehen. Ängste und Befürchtungen, die mit einer Schwangerschaft häufig verbunden sind, werden in einem technisierten Machbarkeitsdiskurs durch eine Fokussierung auf diese Diagnoseverfahren von gesellschaftlichen Bedingungen (Situation am Arbeitsplatz, Aufteilung der Sorgearbeit, unzureichende Versorgungssituation) weg- und zu möglichen individuellen Erschwernissen („mit einem behinderten Kind geht das ja gar nicht“) hingelenkt. Die Sorge um die Möglichkeiten der Entscheidung über die eigene Lebensführung mit Kind führt zu einem selektiven Prozess, in dem vormals gewünschte Kinder, denen ein erhöhter Pflegebedarf prognostiziert wird, im Zuge einer „Eugenik von unten“ aussortiert werden. Die gesellschaftlich herrschenden Normierungen und Zurichtungen werden von den Frauen vielleicht nicht ohne Zweifel, aber häufig kritik- und widerstandslos ausgeübt. Frauen sind in diesem Prozess keine Opfer sondern (Mit-)Täterinnen, die durch ihre individuelle Entscheidungen zur „Bevölkerungsoptimierung“ beitragen. (...)
Für christliche Fundamentalist_innen (...) ist jede Abtreibung (...) Mord. Sterbehilfe und Abtreibung nach Pränataldiagnostik bezeichnen sie als „Euthanasie“.(...) Abtreibungen (...) gleichzusetzen mit der systematischen und massenhaften Ermordung als behindert und psychisch gestört diagnostizierter Menschen im Nationalsozialismus ist eine Verharmlosung der NS-Verbrechen und ein strategischer Versuch, Frauen, die die Entscheidung zu einer Abtreibung getroffen haben, mit Naziverbrecher_innen gleichzusetzen.
Wir wollen den fragwürdig gewordenen Begriff Selbstbestimmung nicht aufgeben (...). Ein gesellschaftlich gedachter Selbstbestimmungsbegriff soll dazu beitragen, gute Lebensbedingungen für alle zu ermöglichen. Um die aufgeworfenen Probleme zu lösen, ist es notwendig, grundsätzlich die momentanen Verhältnisse in Frage zu stellen und sich Gedanken darüber zu machen, wie wir eigentlich zusammen leben wollen. (...) Die Dichotomie von „gesund“ und „krank“ muss aufgebrochen und Behinderung als soziales Modell verhandelt werden, so dass der Fokus auf den gesellschaftlich bedingten Beschränkungen liegt. (...) Überhaupt brauchen wir eine Gesellschaft, die nicht auf Konkurrenz- und Leistungsdenken basiert.
kritische.feministinnen@riseup.net Positionspapier Neue Reproduktionstechnologien - Selbstbestimmung - Selektion, September 2012

Kritische Feministinnen Berlin

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
214
vom Oktober 2012
Seite 35

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