Rezension: Ein vermeintlich komplexes Gebäude

Hunger treibt im Moment viele Menschen dazu, sich Gedanken über die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung zu machen ... und diese Gedanken auch zu Papier zu bringen. So auch den ehemaligen Chemie-Professor Klaus Hahlbrock, der manch einem, der schon ein wenig länger in die Gentechnik-Debatte verstrickt ist, als ehemaliger Direktor am Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung bekannt sein könnte. Das wäre schon der erste Moment, an dem die Alarmglocken klingeln könnten, denn dieses Institut ist sozusagen die Wiege der deutschen Gentechnik-Forschung. Der erste Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland - ein Versuch mit Petunien - wurde von den Kölner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verantwortet. Verantwortung ist auch einer der zentralen Begriffe in Hahlbrocks Buch „Kann unsere Erde die Menschen noch ernähren?”, was kein Zufall ist, ist es doch in der Reihe „Forum für Verantwortung” des Fischer-Verlags erschienen. Schon der programmatische Untertitel weist den Weg, er lautet „Bevölkerungsexplosion - Umwelt - Gentechnik”. Und darauf läuft es auch hinaus: Zwar sind alle Maßnahmen wichtig, um den mit der ausreichenden Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln zusammenhängenden Problemen Herr zu werden. Aber am Ende werden es die Naturwissenschaftler mit der Gentechnik richten. Wie zum Beispiel die Versorgung mit Arzneimitteln. Zu den gentechnisch veränderten Pflanzen, die pharmazeutische Wirkstoffe in sich bergen, schreibt Hahlbrock zum Beispiel „Impfstoffe in solchen Nahrungsmitteln, die [von den von entsprechenden Krankheiten] betroffenen Bevölkerungsgruppen ohnehin täglich verzehrt werden” seien „wesentlich besser geeignet” als Injektions- oder Schluckimpfungen. Demgegenüber wird in einem Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag zu diesem Thema geschlussfolgert, ein „resümierender Blick auf die in vielen Publikationen postulierten potenziellen Vorteile bietet nicht viel Anlass zu einer spezifisch positiven Bewertung des gesamten Konzepts `Orale Impfstoffe aus GVP`.” Dieses Beispiel wird aber nur deshalb so breit ausgewalzt, da es verdeutlichen soll, was Hahlbrock in seinem Buch an verschiedenen Stellen versucht: Er legt den Leserinnen und Lesern nahe, dass mit der Gentechnik eine Methode gegeben ist, die das Potenzial hat, existierende Probleme zu lösen. Er stellt sich aber weder die Frage, ob die Gentechnik die - außer für einen Gentechniker - naheliegende und beste Lösungsmethode für ein aktuelles Problem ist, noch überprüft er, ob in der Gentechnik mehr als nur das Potential liegt. Gleiches gilt auch für das grundsätzliche Bekenntnis zur intensiven Landwirtschaft. Eine - dünn begründete - Prämisse, die die Basis legt für alles, was Hahlbrock an Theorie entwickelt. Diese Basis der „intensiven Landwirtschaft” wird ihrerseits natürlich mit der wachsenden Weltbevölkerung als universellem Argument begründet und von der unbedingten Notwendigkeit von Naturschutzgebieten flankiert. So entsteht ein vermeintlich komplexes Gebäude, dessen Fundament von der wachsenden Weltbevölkerung gebildet wird, im Keller finden wir auf der einen Seite die intensive Landwirtschaft und auf der anderen Naturschutzgebiete als Ausgleichs- und Rückzugsorte. Im Wohnbereich die Notwendigkeit, aufgrund der akuten Bedrohungen (insbesondere die wachsende Weltbevölkerung) schnell zu handeln und im Dachgeschoss - quasi als Schutz über allem - die Verantwortung der Wissenschaftler. Hier natürlich in erster Linie die aus den Naturwissenschaften. Der Mörtel, der das Gebäude zusammenhält ist die Agro-Gentechnik. Wäre das nicht schon schlimm genug, lässt Hahlbrock, der auch Vize-Präsident der Max-Planck-Gesellschaft war, seine Leserschaft auch über wesentliche Quellen im Dunkeln: Zum Beispiel führt Hahlbrock Florence Wambugu als Direktor des ISAAA AfriCenters in Nairobi ein, ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren, dass der ISAAA eine der zentralen Institutionen der weltweit agierenden Biotech-Lobby-Gruppen ist und in wesentlichen Teilen - soweit bekannt - von multinationalen Biotech-Konzernen finanziert wird. Ein schlimmes Buch, dem man nur wünschen kann, dass es in den Regalen der Verlage verstaubt.
Christof Potthof

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
189
vom September 2008
Seite 61 - 62

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