Farmer to Farmer

In den USA werden beim Soja-Anbau zu fast hundert Prozent gentechnisch veränderte Sorten eingesetzt. Aber obwohl Agro-Gentechnik somit als ein fester Bestandteil der US-amerikanischen Landwirtschaft anzusehen ist, ist sie auch dort alles andere als unumstritten.

Sie waren vor kurzem in Deutschland unterwegs. Was waren Ihre Eindrücke von den Landwirten hier? Wie sind die Diskussionen verlaufen?

Ich hatte den Eindruck, dass es für die Landwirte in Deutschland ein sehr großer Vorteil ist, dass es die Diskussionen um die Gentechnik in anderen Teilen der Welt schon seit zehn Jahren gibt. Sie können so von den Erfahrungen der Landwirte in den anderen Ländern, insbesondere in Nordamerika, in den USA und in Kanada, profitieren. Wir waren damals richtige guinea pigs, Meerschweinchen, das heißt, wir waren die Versuchstiere. Wir wussten nicht viel über die Gentechnik. Wir wussten nicht viel über die wirklichen Vor- und Nachteile der Gentechnik. In Deutschland, bei den Terminen der Tour, hatte ich aber den Eindruck, dass die Landwirte sehr gut informiert sind - viel besser, als wir es damals waren. Ein Unterschied ist sicher, dass es bei uns zwischen den Landwirten keine großen Diskussionen über den Einsatz von gentechnisch veränderter Soja oder Baumwolle, gentechnisch verändertem Mais und Raps mehr gibt. Der Anbau ist eine Realität, mit der wir leben müssen. Die Diskussionen drehen sich eher um neue Nutzpflanzen, von denen gentechnisch veränderte Varianten eingeführt werden sollen.

Bill, Sie arbeiten für die Farmer to Farmer-Kampagne der National Family Farmers Coalition. Was können unsere Leserinnen und Leser sich darunter vorstellen?

Die NFFC ist eine Koalition oder ein Netzwerk der Bauern-Organisationen, die in den Regionen, in den Bundesstaaten der USA, für kleinere landwirtschaftliche Betriebe aktiv sind. Wir versuchen die Arbeit auf der Bundesebene, in Washington, zu machen und dort die Interessen der kleineren US-Farmer zu vertreten. In der Farmer to Farmer-Kampagne, die sich mit der Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft beschäftigt, haben wir uns in den letzten Jahren neben den Protesten gegen die Zulassung von neuen gentechnisch veränderten Nutzpflanzen vor allem für die Rechte der Farmer in Patent-Streitfällen eingesetzt.

Kleinere Farmen - was heißt das in den USA?

In der Gegend, in der ich selber wohne, im Süden von Wisconsin im Mittleren Westen, sind die Farmen ungefähr von der Größe, wie ich es auch bei meinem Besuch in Deutschland, im Süden von Deutschland, gesehen habe. Das heißt, die Familienbetriebe haben etwa 100 Acre.1 Sie haben verschiedene Kulturen im Anbau, halten Tiere, haben oft eine Spezialisierung, zum Beispiel, dass sie auch Käse herstellen und verkaufen direkt auf Märkten ihre Waren. Manche arbeiten als ökologische Landwirte. Geht man in die plains, die Staaten weiter im Westen, wo es sehr flach ist, dann werden die Farmen deutlich größer. Ein Familienbetrieb kann dort zwischen 10.000 und 30.000 Acre bewirtschaften und trotzdem ein Familienbetrieb sein. Es gibt also auch in den Staaten eine gewisse Diversität bei den Betrieben, oft abhängig von der Geografie der Regionen. Die sehr stark industrialisierten Betriebe sind dann eher die ganz großen Tierhaltungen. Dort werden auf einer sehr kleinen Fläche sehr viele Tiere gehalten, egal ob Mast- oder Milchvieh-Betriebe. Dort wird dann alles Futter zugekauft.

Ich habe einem Bericht über die Landwirtschaft in Süd-amerika entnommen, dass dort Farmen existieren, die als Investment-„Immobilien” bewirtschaftet werden und über 35.000 bis 350.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche verfügen. Gibt es diese Art der Investment-Landwirtschaft oder diese Größe von Betrieben auch in den USA?

Nein, mir ist das bisher in dieser Art noch nicht untergekommen. Das ist sicher unter mehreren Gesichtspunkten eine besondere Situation dort unten. Aber, um es wieder auf die Gentechnik zu bringen, für die Betriebe, die die Roundup-Technologie, das heißt die gentechnisch veränderten Herbizid-resistenten Sorten von Monsanto einsetzen, hat sich das Unkraut-Management erst einmal vereinfacht. Es ist bequem und es hat dazu geführt, dass die Bauern größere Flächen bewirtschaften können. Früher war es notwendig, dass die Farmer bei uns mechanisch gegen das Unkraut vorgegangen sind. Das ist nun nicht mehr notwendig. Es wird gesät und es werden die Herbizide ausgebracht, das ist erst einmal alles.

... und das führt dazu, dass die Landwirte deutlich mehr Geld verdienen?

Nein. Wenn die Landwirte, die GVO, also gentechnisch veränderte Organismen, einsetzen, ehrlich sind, dann haben GVO keine ökonomischen Vorteile, weil die Saatgut-Kosten deutlich steigen, gerade für die neueren Sorten, in denen gestapelte Gene für zwei oder drei Eigenschaften gentechnisch miteinander gekoppelt werden.

Aber die Anwendung der gentechnisch veränderten Sorten ist sehr weit verbreitet?

Ja, das stimmt schon, nur muss man dabei wissen, was genannt wird: Ich bin sicher, dass sich die Ergebnisse anders darstellen würden, wenn nicht nach der mit oder ohne GVO bewirtschafteten Fläche, sondern nach den mit oder ohne GVO wirtschaftenden Landwirten gefragt würde. Die GVO einsetzenden Farmer haben in der Regel deutlich größere Farmen.

Wie ist es mit landwirtschaftlichen Saatgutsorten? Bei uns wird immer wieder angeführt, dass zum Beispiel Monsanto regionale Saatgutfirmen aufkauft, das Saatgut mit einer guten Performance vom Markt nimmt und so eine Situation entsteht, dass es kaum Alternativen zu dem transgenen Saatgut gibt. Können Sie das bestätigen?

Ja und nein. Es ist tatsächlich so, dass Monsanto so viele Saatgutfirmen aufkauft, wie möglich. Aber es gibt schon noch einige kleine, regionale Firmen. Und es stimmt auch, dass man von denen dann auch abhängig ist, wenn man gentechnikfreies Saatgut kaufen will. Das liegt auch daran, dass es große Probleme mit der Sauberkeit, der Reinheit des Saatgutes gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Vermengungen kommt, ist zu groß. Insofern sind wir schon sehr abhängig von diesen Firmen, die auf der regionalen Ebene beziehungsweise auf der Ebene der Bundesstaaten arbeiten. Allerdings ist es nicht so, dass alle Großen aus der Entwicklung von gentechnikfreiem Saatgut rausgehen.

Ja, das stimmt, ich habe auch unlängst gelesen, dass Pioneer eine konventionell gezüchtete Sojabohne auf den Markt gebracht hat, von der gesagt wird, dass sie bis zu zehn Prozent mehr Ertrag bringt, als die letzte Generation. Es hat mich ein bisschen gewundert. Man könnte den Eindruck bekommen, alle entwickeln nur noch gentechnisch veränderte Sorten.

Nein, das wundert mich gar nicht. Es gibt einen Markt für gentechnikfreie Ware. Zum Beispiel hat das Unternehmen Cargill in den letzten vier oder fünf Jahren einen ordentlichen Aufschlag für gentechnikfreie Soja bezahlt.

Meinen Sie, dass Cargill diesen Aufschlag bezahlt, um die gentechnikfreie Soja in den Lebensmittelmarkt zu bringen? Bekanntlich geht Soja vor allem in die Futtermittel-Produktion und es wird immer wieder gesagt, dass - eben auch in den USA - der Markt für die Herstellung von Lebensmitteln auch jetzt noch in erster Linie mit gentechnikfreien pflanzlichen Rohstoffen versorgt wird.

Ich kann offen gestanden nicht sagen, ob sie versuchen, die Waren getrennt von der gentechnisch veränderten Soja zu verarbeiten. Aber nach dem, was ich über den Prozess und die Infrastruktur weiß - und ich weiß, wie es in der Erntezeit zugeht - kann ich nur sagen, dass es sehr schwierig ist, eine Durchmischung zu verhindern. Man braucht eine eigene Verarbeitungs-Infrastruktur und in den meisten Fällen existiert diese nicht.

Und die Entwicklung gentechnikfreier Sorten?

Es gibt bei uns noch Forschungs- und Entwickungs-Programme der öffentlichen Hand. In diesen wird, zum Beispiel an Universitäten, konventionelles Saatgut entwickelt. Allerdings haben viele dieser Programme in den letzten Jahren substantielle Einschnitte bei ihrer Finanzierung verkraften müssen. Es ist auch so, dass die gentechnisch veränderten Sorten nicht unbedingt den höheren Ertrag bringen. Der ehemalige Präsident unserer Organisation, George Naylor, ein Landwirt im US-Bundesstaat Iowa, war im letzten Jahr auf einer Veranstaltung von Monsanto, auf der sie ihre neuen gentechnisch veränderten, mit mehrfach gestapelten Genen versehenen, Maissorten mit ihren Erträgen vorstellen wollten. Und dort hat sich genau dieser Sachverhalt gezeigt: Die Sorten mit den gestapelten Eigenschaften haben keinen höheren Ertrag gebracht als die konventionellen Sorten, kosten aber deutlich mehr.

Zu einem anderen Thema: Wir haben mitverfolgt, wie Monsanto viele Farmer vor Gericht gebracht hat, oder zumindestens damit gedroht hat, weil diese angeblich unberechtigterweise gentechnisch veränderte Sorten des Konzerns genutzt haben sollen. Es gab den Bericht „Farmers vs. Farmers” vom Zentrum für Lebensmittelsicherheit.2 Hat Ihre Organisation damit zu tun?

Oh ja, damit haben wir sehr viel zu tun. Das ist ein sehr wichtiges Thema für uns. Man muss wissen, dass praktisch jeder Landwirt in den Bundesstaaten, in denen gentechnisch veränderte Soja oder Baumwolle, gentechnisch veränderter Mais oder Raps angebaut wird, einen Freund oder einen Verwandten kennt, der einen Brief von Monsanto bekommen hat. Darin heißt es dann, er habe illegalerweise Monsanto-Technologie genutzt und es sei ein Betrag von soundso vielen US-Dollar fällig, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Das war für die „Farmer to Farmer-Kampagne zur Gentechnik” eines der wichtigen Themen. Wir konzentrieren uns auf die Auswirkungen der gentechnisch veränderten Organismen auf Landwirte. Und die Haftungsfrage und die Gerichtsverfahren waren da natürlich sehr wichtig. Wir haben mit Juristen, Politikern und landwirtschaftlichen Organisationen in einer Reihe von Bundesstaaten zusammengearbeitet, um Gesetze auf den Weg zu bringen, die Monsanto für jegliche Verunreinigung haftbar machen, sind doch die Gerichtsverfahren beziehungsweise die genannten Briefe in der Regel in solchen Verunreinigungen begründet. Zum Beispiel konnten in Kalifornien und Maine Gesetze in Kraft treten, denen zufolge es Monsanto verboten ist, Gerichtsverfahren anzustrengen, wenn nur geringe Anteile von gentechnisch veränderten Pflanzen gefunden werden und die Landwirte keinen ökonomischen Nutzen aus der Technologie ziehen konnten. Wir haben gute Chancen, dass andere Staaten folgen werden. An anderen Orten wurden weitere Parteien zu den Verfahren angehört.

Welche weiteren Strategien sind wichtig für Ihre Arbeit?

Wir haben seit der Gründung unserer Kampagne 1999 sehr viel daran gesetzt, dass neben den bekannten vier „major crops“, den wichtigen Nutzpflanzen, die da sind Soja, Mais, Baumwolle und Raps, keine weiteren „major crops“ als gentechnisch veränderte Varianten zugelassen werden. Dabei waren wir recht erfolgreich, muss man sagen, es ist keine weitere sehr bedeutende Nutzpflanze dazu gekommen. Es gab Anstrengungen der Biotech-Unternehmen, gentechnisch veränderten [gv - die Red.] Reis und gv-Alfafa 3 auf den Markt zu bringen. Monsanto hatte vor ein paar Jahren sehr viel Energie darauf verwendet, gentechnisch veränderten Weizen, tolerant gegen das Breitbandherbizid Roundup, in Nordamerika zu kommerzialisieren. Dieser Versuch ist gescheitert und er wird auch in den nächsten Jahren scheitern, auch wenn sie versuchen, mit der Debatte um GVO und ihre Rolle bei der Hungerbekämpfung Boden wett zu machen. Wir rechnen damit, dass Monsanto in diesem Jahr nach der Ernte einen neuen Versuch starten wird, eine Zulassung für den gentechnisch veränderten Weizen zu bekommen. Aber solange die wichtigsten Länder, in die unser Weizen exportiert wird, weiter starke Opposition zeigen, wird es diese Zulassung nicht geben. Die Exportmärkte sind für die Farmer das wichtigste Argument. Wir haben Kontakt zu einer Wissenschaftlerin aus Kanada, die herausgefunden hat, dass die Anwendung von Glyphosat, dem Wirkstoff des mit den RoundupReady-Pflanzen genutzten Herbizids, dazu führt, dass Pflanzen stärker mit Fusarium-Pilzen befallen sind. Und Fusarium-Befall ist eines der großen Probleme beim Anbau von Weizen. Das heißt, wenn Monsanto nun mit Roundup-resistentem Weizen auf den Markt kommen würde, wäre das ein weiteres Argument.

Was ist außerdem gerade wichtig für die Farmer to Farmer-Kampagne?

Es gibt interessante Entwicklungen in den verschiedenen Rechtsstreitigkeiten, die im Zusammenhang mit der Kontamination von Reis mit gentechnisch verändertem LibertyLink-Reis von Bayer stehen. Zum Beispiel gibt es einen Fall in Arkansas, in dem die Reis-Produzenten gegen Riceland Foods klagen. Riceland Foods, das ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht uninteressant zu wissen, ist der größte Reishändler und die größte Reismühle der Welt. In diesem Verfahren gibt es Hinweise, dass sie schon neun Monate - möglicherweise sogar schon zwei Jahre -, bevor sie es den Landwirten gesagt haben, von den Kontaminationen wussten. Sie haben gewusst, dass es Probleme mit Kontaminationen gibt, aber sie haben die Informationen nicht an die Farmer weitergegeben. Wäre den Farmern früher Bescheid gesagt worden, dann hätten sie sich entschließen können, etwas anderes auszusäen und hätten den ökonomischen Verlust vermeiden können. Aber Riceland Foods war auch in Markt-Spekulationen verstrickt. Es gibt einen anderen Fall, über desssen Zulässigkeit das Gericht noch nicht entschieden hat. In dem geht es darum, dass Riceland Foods schon allein wegen nachlässigen Verfahrens mit dem Reis haftbar gemacht werden könnte. Wenn wir in einem solchen Fall Erfolg haben sollten, dann ist das der Anfang vom Ende der Biotech-Konzerne.

Wir drücken die Daumen und danken für das Gespräch.

Das Interview führte Christof Potthof

  • 1. Ein Acre, was einem Morgen entspricht, ist etwa 0,4 Hektar, oder, anders herum, etwa 2,4 Acre entsprechen einem Hektar.
  • 2. Siehe dazu auch die Notiz „Monsanto gegen Farmer” unter „Politik und Wirtschaft - kurz notiert” in dieser Ausgabe.
  • 3. Alfalfa ist der bei uns bekannten Luzerne sehr ähnlich.

Bill Wenzel arbeitet für die National Family Farmers Coalition in den USA, einem Zusammenschluss von auf der regionalen Ebene aktiven landwirtschaftlichen Organisationen. Konkret ist er in der Farmers to Farmers-Kampagne zur Gentechnologie beschäftigt.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
189
vom September 2008
Seite 9 - 11

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