Editorial: Fall geklärt, Akte geschlossen...


Das ist die Steilvorlage für die verschwörungstheoretischen Geschichten der nächsten Jahre: Der Hauptverdächtige im Anthrax-Fall starb Ende Juli durch Selbstmord. Das Federal Bureau of Investigation der US-Regierung, das FBI, hat kaum eine Woche später die Akte des Falles als geklärt geschlossen. Es spricht viel dafür, dass der letzte Akt in diesem Stück trotzdem noch nicht gespielt ist. Medien zufolge stand das FBI unter sehr hohem Druck, da es nach nunmehr fast sieben Jahren Ermittlungen nicht wirklich am Ziel war. Einem vormaligen Verdächtigen war erst im Juni eine siebenstellige Summe Schadensersatz zugesprochen worden. Und nun verübt der Hauptverdächtige, Bruce Ivins, Selbstmord, ohne dass es dem FBI gelungen wäre, den Fall vor Gericht zu bringen. Die mit den Biowaffen versehenen Briefe hatten 2001 unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September in den Vereinigten Staaten für große Verunsicherung gesorgt. Fünf Menschen waren an den Folgen der Milzbrand-Infektion gestorben. Natürlich gibt es Gründe, den jetzt präsentierten Schuldigen für einen Verdächtigen zu halten: Zum Beispiel hat Ivins in seinem Labor mit Anthrax-Sporen gearbeitet, wie sie - genetisch identisch - seinerzeit in den Briefen gefunden worden waren. Aber es gibt auch wirklich schlechte Argumente, so zum Beispiel die Tatsache, dass die Anthrax-Briefe im Jahre 2001 an Kongress-Abgeordnete und Medienvertreter gingen, Zielgruppen, denen Ivins in einer anderen Sache eine große Anzahl eMails und Briefe - zum Teil unter falschem Namen - geschickt hatte ... ein Argument, von dem das FBI denkt, es sei „wichtig”. Der Selbstmord kann im Nachhinein leicht den Verdacht als gerechtfertigt erscheinen lassen, denn die Ermittler hatten für einen nicht näher benannten späteren Zeitpunkt ein Verhör mit Ivins geplant. Allerdings darf man bezweifeln, ob die Gemengelage es rechtfertigt, den Verdächtigen zum Verantwortlichen zu machen ... Die Geschichtenschreiber der Verschwörungstheorien, aber sicher auch Juristen, werden einen großen Schatz an Material zu sichten haben: Das FBI hat nun Akten zum Fall veröffentlicht, die auf verschiedenen Internet-Seiten zum Herunterladen bereit stehen.

GID-Redaktion

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
189
vom September 2008
Seite 2

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