Glyphosat: Die Geschichte geht weiter

Ein Überblick über die aktuellen Entwicklungen

Die Europäische Kommission will die Zulassung des umstrittenen Herbizids Glyphosat um 15 Jahre verlängern. Doch seitdem ein WHO-Gremium den Stoff als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ einstufte, regt sich Protest.

Anfang März hätten die EU-Mitgliedsstaaten im Ministerrat über die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung abstimmen sollen. Aufgrund der zunehmend kritischen Einstellung einiger Länder - darunter Schweden, Frankreich, Italien und die Niederlande - wurde die Abstimmung verschoben. Dass diese Länder nicht alle auf Linie der Kommission sind, kann als Erfolg des öffentlichen Protests gesehen werden. Oder als einzig sinnvolles Verhalten angesichts der zahlreichen noch offenen Fragen über die von Glyphosat ausgehenden Gesundheitsgefährdungen.

Während die für den EU-Bewertungsprozess maßgeblich verantwortlichen Institutionen EFSA (Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde) und BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) Glyphosat für unbedenklich halten, wird er von der Krebsforschungseinrichtung der Weltgesundheitsorganisation, IARC, als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ eingestuft. Zwei Gründe, warum die Bewertungen so weit auseinander liegen, sind die unterschiedliche Interpretation von Mäusestudien 1 sowie die Frage, wer überhaupt Zugang zu Studien und Rohdaten hat. Denn EFSA und BfR beziehen sich unter anderem auf Studien aus der Industrie, die nicht öffentlich verfügbar sind und die auch der IARC nicht vorliegen. Dass diese Geheimhaltung eine unabhängige Bewertung unmöglich macht, liegt auf der Hand.

Auch hinsichtlich der so genannten Cocktail-Effekte sind viele Fragen offen. Denn der Wirkstoff Glyphosat wirkt nur in Verbindung mit verschiedenen Bei- und Zusatzstoffen. Die genaue Zusammensetzung ist je nach Produkt unterschiedlich - und häufig auch unbekannt, denn sie gilt mitunter als Betriebsgeheimnis. Für die Zulassung von Glyphosat reichte es aus, Angaben zu einem einzigen, von den Herstellern selbst gewählten, Produkt zu machen. Klar ist jedoch, dass die Gesamtmischungen in vielen Fällen toxischer sind als Glyphosat alleine und zudem auch in niedrigen Dosen schon in das Hormonsystem des Körpers eingreifen können.2

Ein gemeinsames Gremium von WHO und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) arbeitet derzeit an einer Bewertung der konkreten Risiken für Landwirt_innen und Verbraucher_innen. Sie soll im Mai vorgelegt werden. Auch die Europäische Chemikalienagentur ECHA führt eine umfassende Bewertung durch, die jedoch frühestens Ende 2017 fertig sein soll - viel zu spät für die Entscheidung über die Wiederzulassung, die der EU-Ministerrat wohl spätestens im Mai fällen wird.

Während die offiziellen Entscheidungsprozesse noch laufen, geben zahlreiche Städte und Regionen derweil dem Vorsorgeprinzip Raum und beschließen temporäre Verbote von Glyphosat oder das Erproben von Alternativen - darunter zuletzt Madrid, Barcelona und zwei kleinere englische Gemeinden. In Petitionen und Offenen Briefen fordert die Zivilgesellschaft ein Verbot von Glyphosat, und auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft spricht sich grundsätzlich gegen die weitere Zulassung aus und fordert stattdessen eine „Neuorientierung in der ackerbaulichen Praxis”.3 Dass eine Neuorientierung dringend geboten ist, zeigt auch das Ergebnis der so genannten „Urinale“: Fast alle der über 2000 Freiwilligen, die an der Datenerhebung teilnahmen, hatten den Stoff im Urin, drei Viertel waren sogar erheblich belastet.4

Auch der juristische Weg wurde mittlerweile eingeschlagen: Mehrere Umweltschutzorganisationen erstatteten Anfang März Strafanzeige gegen BfR, EFSA und die belgische Monsanto-Niederlassung.Ihr Vorwurf lautet: Betrug und falsche Angaben.5 Und in den USA sind bereits mehrere Klagen und Sammelklagen anhängig, in denen Privatpersonen Monsantos Roundup für ihre Krebs-Erkrankung verantwortlich machen. Es könnte also doch noch teuer werden für den Gentech- und Agrochemie-Riesen.

Anne Bundschuh arbeitet beim Forum Umwelt und Entwicklung und koordiniert dort das Netzwerk Gerechter Welthandel. Von 2012 bis 2017 war sie Mitarbeiterin des GeN.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
235
vom April 2016
Seite 27

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