Amflora ohne Ende

Eine Nachkontrolle am Versuchsfeld zeigt Durchwuchs der Kartoffel

BASF baut nun schon im zweiten Jahr Saatgut ihrer gentechnisch veränderten Kartoffel Amflora an, obwohl die Genehmigung für deren Kommerzialisierung von den EU-Behörden noch nicht erteilt wurde. Über die Probleme beim Anbau und den Widerstand vor Ort gibt ein Kontrollbesuch am Feld Aufschluss. Von Christof Potthof

Großer Bahnhof in Zepkow (Mecklenburg). Das Landesamt für Landwirtschaft in Rostock hat sich in Person von Herrn Günther Erbe zu einem Besuch an der Freisetzungsfläche von gentechnisch veränderten (gv) Stärke-Kartoffeln „Amflora” der BASF Plant Science angesagt. Die BASF ist mit drei Mitarbeiterinnen vertreten, der anbauende Landwirt, Karl-Heinrich Niehoff aus dem Nachbardorf Bütow, mit mindestens vier Betriebsangehörigen. Dazu kommen noch etwa ein Dutzend MitarbeiterInnen der regionalen und überregionalen Presse und knapp zehn MitstreiterInnen der regionalen Bürgerinitiative.

Durchwuchs anschauen

Auf dem Acker steht Mais, konventionell und von wechselhafter Qualität. Das Corpus delicti, nach dem heute gefahndet wird, liegt etwas tiefer versteckt zwischen den mittlerweile - es ist schon Mitte Juli - fast mannshohen Maisreihen. Der Acker darf nicht betreten werden. Das sei bei seinen Begehungen nicht üblich, hat der Vertreter des Landes verlauten lassen. Außerdem habe Herr Niehoff, respektive die BASF, etwas dagegen. Das alles ärgert die VertrerInnen der regionalen Bürgerinitiative, denn sie wollten vor allem eines: Sie wollten Amflora-Pflanzen sehen. Sie wissen, dass es hier auf dem Mais-Acker Durchwuchs von gentechnisch veränderten Kartoffelpflanzen gibt - im letzten Jahr waren diese hier schon gepflanzt worden und bereits im Herbst hatten sie festgestellt, dass Kartoffeln auf der Fläche zurückgeblieben waren. Nun wollen sie Zeugen sein, wenn auch der Behörden-Vertreter diese sieht. So war es ihnen vom zuständigen Minister, Till Backhaus, in einem Brief versprochen worden. Einstweilen stehen nun die meisten am Feldrand, trinken den von der BASF auf einem kleinen Tischen angebotenen Kaffee und der eine oder die andere knabbert an Gebäckstückchen. Dann kommt Herr Erbe mit seiner Assistentin und einer BASF-Mitarbeiterin aus dem Feld zu den Wartenden. Er verdeutlicht an gefundenen Kartoffelpflanzen, was hier zu sehen gewesen wäre, wenn man auf das Feld gedurft hätte: Kränklich aussehende, das heißt an ihrem Kraut vertrocknete Kartoffelpflanzen mit einer großen so genannten Mutterknolle und mehreren kleinen jungen Kartoffeln. Nachfragen hier, Nachfragen dort.

Simulation der Kontrolle

Am Schluss der Demonstration lädt er dann doch noch zu einer Tatortbegehung ein. Ein kleiner Tross macht sich also auf, um Herrn Erbe bei der Simulation seiner Arbeit - ein Kameramann ruft „jetzt nehmen sie doch mal bitte die Hacke” - anzuschauen. Natürlich findet er sofort durchgewachsene Amflora-Kartoffeln, die sind auf diesem Maisacker keine Seltenheit. Herr Erbe war schon vor ein paar Wochen hier gewesen. Er hatte in Abstimmung mit Landwirt Niehoff entschieden, dass es das Beste sei, wenn gegen den Durchwuchs mit Spritzmitteln vorgegangen werde. So ist ein Gutteil der Kartoffelpflanzen tatsächlich schon ziemlich zerschunden. Anders die aus der Mutterknolle hervorgegangenen Kartoffeln - kaum eine ist größer als eine Cocktail-Tomate: Für die meisten der Umstehenden sehen diese durchaus wie gesunde Kartoffeln aus. Herr Niehoff dagegen will seine Einweisung in die Theorie und Praxis des Spritzmittel-Einsatzes so verstanden wissen, dass die Wirkstoffe zunächst in das Blattwerk einziehen und später auch in die Mutterknolle und von dort in die neuen kleinen Kartoffeln weitergegeben werden, was diesen nicht besonders gut bekommen sollte. Demgegenüber vertritt Burkhard Rohloff, der Fachmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die Ansicht, die kleinen Nachkömmlinge würden im nächsten Jahr wachsen und gedeihen.

Keine Gefahr zu erwarten

Unabhängig davon argumentiert Bernd Broschewitz vom Agrarministerium in Schwerin, der ebenfalls den Weg zum Gentech-Acker gefunden hat. Seiner Einschätzung nach ist es in gewisser Weise unerheblich, ob es Durchwuchs gibt oder nicht: Der Versuch sei - auch bei seiner immensen und ungewöhnlichen Größe von bis zu 52,4 Hektar alleine an diesem Standort - nur deshalb vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit genehmigt worden, weil nicht zu erwarten sei, dass von ihm eine Gefahr ausgehen würde. Zwei weitere Felder sind Teil des Freisetzungsversuches der BASF. Dieser Versuch ist eine Vermehrung von Saatkartoffeln für den kommerziellen Anbau: Hier im mecklenburgischen Zepkow, im Nachbardorf Bütow und in Perleberg (Brandenburg) liegen die drei genehmigten Flächen, insgesamt mehr als 150 Hektar. Von Perleberg hat man lange nichts gehört. Angebaut wurde Amflora dort nicht, warum weiß offiziell niemand. In Bütow stehen in diesem Jahr 20 Hektar Amflora auf dem Feld. Dort wollten Aktivisten im Frühjahr die Aussaat durch eine Besetzung des Ackers verhindern. Wie das Schicksal so spielt, wiederholte sich, was im letzten Jahr Herrn Niehoff in Zepkow passiert war: Beide verfehlten die richtige Fläche. Später war vermutlich noch jemand mit dem Pseudonym „Kartoffelkäfer” auf dem Feld aktiv: Es sollen einige hundert Kilogramm verschiedener Bio-Saatkartoffeln ausgebracht worden sein. Das wurde aber von den MitarbeiterInnen der BASF wie auch von Niehoff dementiert. Sie hätten nach den Spuren dieser Nachsaat gesucht, seien aber nicht fündig geworden, weshalb sie von einer Zeitungsente ausgehen würden. Trotz eines Zeugen aus üblicherweise gut informierten Kreisen blieben sie bei ihren - etwas sprachgeregelt wirkenden - Äußerungen.

Kurz vor der Zulassung?

Die Genehmigung für die Saatgut-Erzeugung auf den drei Flächen liegt für die Jahre 2007 und 2008 vor. In diesem Jahr wird nur in Bütow angebaut. Bemerkenswert ist das insofern, als sich die BASF nach wie vor überzeugt zeigt, dass die Amflora „kurz vor der Zulassung” durch die entsprechenden EU-Stellen stehe, was eigentlich bedeuten würde, dass der Konzern viele Saatkartoffeln braucht. Andererseits scheint das Vertrauen in die EU-Behörden in den vergangenen Jahren ein bisschen gelitten zu haben, denn erst unlängst hat sich der Konzern entschieden, den Zulassungs-Prozess etwas zu befördern: Im Juli wurde eine Klage gegen die EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht. Was bei den Mitgliedern der regionalen Initiative bleibt, ist eine gewisse Leere, bei manchen ist es auch Wut. Sie werden von einem zum nächsten Mal mit immer neuen Beschwichtigungen vertröstet. Im Herbst hieß es, der Winter würde es richten und die auf dem Acker verbliebenen gv-Kartoffeln zerstören. Im Frühling, als die ersten Überlebenden keimten, hieß es, die Pestizide würden das Problem beseitigen und die Mutterknolle an der Bildung von jungen Kartoffeln hindern. Jetzt heißt es, dass die kleinen Kartoffeln es nicht schaffen werden, im nächsten Jahr zu keimen. Und wenn doch, dann kommen die Leute vom Amt eben im nächsten Jahr wieder. So können, wie schon im vergangenen Jahr, vermutlich auch in der Zukunft nichts ahnende Menschen beim Stoppeln, beim Einsammeln von während der Ernte oder des Abtransportes verloren gegangenen Kartoffeln beobachtet werden. Denn der Amflora kann ihre Besonderheit nicht angesehen werden. Die BASF verweist auf ihre Schilder. Die liegen hier und da im Dreck.

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
189
vom September 2008
Seite 30 - 31

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