Agrarkonzerne: Wer kauft wen?

Das Übernahmekarussell dreht sich, als gäbe es kein Morgen

Es begann im vergangenen Frühjahr mit dem Angebot des Branchenprimus Monsanto, den schweizerischen Agrarkonzern Syngenta zu übernehmen. Daraus ist ein Schachern und Feilschen geworden, das die TOP Sechs der Branche bei gleichen Marktanteilen auf drei beteiligte Konzerne zusammenschmelzen könnte.

Der Konzentrationsprozess in der globalen Landwirtschafts- beziehungsweise Chemiebranche hat weiter Fahrt aufgenommen. Zum jetzigen Zeitpunkt gelten die bereits im letzten Jahr angekündigte Verbindung der beiden US-amerikanischen Chemiekonzerne Dow und DuPont und die Übernahme von Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern China National Chemical Corporation (ChemChina) zwar auf den ersten Blick als gesetzt. In den sprichwörtlichen trockenen Tüchern sind sie jedoch noch nicht. Mindestens regulatorische Hindernisse in verschiedenen Ländern müssen noch überwunden werden. Aber auch Querschüsse der Konkurrenz, Kritik aus der Politik, sowie Gerüchte über weitere Angebote oder andere Zusammenschlüsse wurden in den letzten Wochen lanciert. Schenkt man den Berichten in den Medien Glauben, so erscheint keine Konstellation ausgeschlossen.

Fast perfekt: DuPont & Dow

Die beiden US-Konzerne Dow und DuPont wollen sich zum größten Chemie-Konzern der Welt zusammenschließen. Nach Darstellung der kanadischen Nichtregierungsorganisation ETC Group würde  DowDuPont - so der geplante neue Name - ein Viertel des globalen Saatgutmarktes und 16 Prozent der Pestizidverkäufe kontrollieren.

Fast perfekt: ChemChina kauft Syngenta

Die Planungen für die Übernahme des schweizerischen Agrarkonzerns Syngenta durch ChemChina wurden Anfang Februar dieses Jahres bekannt. Vermutlich mit Unterstützung aus der Staatskasse soll dieser Deal finanziert werden. Als Staatsunternehmen ist ChemChina im Zweifelsfall der ökonomische Arm der chinesischen Regierung. Diese wolle, wie in den Medien regelmäßig betont wird, einerseits die chinesische Wirtschaft in die Lage versetzen, die eigene Bevölkerung selbst zu versorgen. Gleichzeitig solle die Vorherrschaft ausländischer Konzerne in Bezug auf gentechnisch veränderte Pflanzen im eigenen Land durchbrochen werden. Das könnte auch dazu führen, dass sich die bisher unklar erscheinende Position Pekings - starke Forschung an und relativ geringe Vermarktung von gv-Pflanzen - in Richtung einer Gentechnik-freundlichen Poltik ändert. Andererseits würde die Übernahme den Zugang chinesischer Produkte zum US-Markt wie auch den Syngentas auf den chinesischen Markt bedeuten, was die amerikanische Konkurrenz benachteiligen würde. Genau diese Aspekte scheinen in den USA dem einen oder der anderen Kopfschmerzen zu bereiten. Zum Beispiel betonte US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, er habe die Entwicklung im Auge. Das US-Komittee für Auslandsinvestitionen CFIUS muss das Geschäft noch prüfen. Es wird mit einer Entscheidung im Laufe des Sommers gerechnet. Die Behörde kann das Geschäft mit einem Veto verhindern.1 Sollte die Übernahme zustande kommen, wäre sie die teuerste, die bisher von China aus durchgeführt worden ist. Die zur Rede stehenden etwa 43 Milliarden US-Dollar sollen freilich in Form von tatsächlichem Geld bezahlt werden - im Gegensatz zu den Angeboten des Konzerns Monsanto, der zum großen Teil mit eigenen Aktien bezahlt hätte. Ein Umstand, der es dem Vorstand von Syngenta offenbar leicht gemacht hat, seinen AktionärInnen diese Offerte zu empfehlen.

Vorerst geplatzt: Monsanto & Syngenta

Der US-Konzern Monsanto hatte in der Vergangenheit auf der Suche nach Wachstumsgelegenheiten schon mehrfach bei Syngenta angeklopft. Zuletzt hat sich der globale Branchenprimus bei Saatgut allgemein und speziell bei gentechnisch veränderten Pflanzen im Sommer des vergangenen Jahres eine Abfuhr geholt.2 Wochenlang hatte der Übernahmeversuch einen festen Platz auf den Wirtschaftsseiten. Da verwundert es nicht, wenn Medien jetzt darüber berichten, dass das Unternehmen gegen eine Syngenta-Übernahme durch ChemChina lobbyiert.

Spekulation: Monsanto kauft Bayer CropScience

In der jüngeren Vergangenheit wird Monsanto auch ein Interesse an der Agrarsparte des Bayer-Konzerns nachgesagt. Anna Hauber, eine Analystin für die schweizerische UBS-Bank, taxiert ein solches Geschäft etwa in der gleichen Höhe wie einen Kauf von Syngenta, nämlich bei ungefähr 45 Milliarden US-Dollar. So steht es zumindest in der taz.3 Hauber sieht laut taz auch Vorteile dieser Variante: Das „Bayer-Geschäft mit Saatgut und Pflanzenschutzmitteln“ könnte „wegen der höheren Marktanteile besser zu Monsanto passen“. Mit Verweis auf Analysten der Deutschen Bank heißt es in der taz weiter, eine Zusammenarbeit zwischen Monsanto und Bayer CropScience sei ein logischer nächster Schritt, und zwar wegen der „Stärke der US-Amerikaner im Geschäft mit Saatgut und der Deutschen beim Verkauf von Pflanzenschutzmitteln. Allerdings sei Bayer nicht in Bedrängnis, die Sparte zu verkaufen. Der Preis müsse letztlich wohl höher ausfallen.“4 Diesen Schluss legt auch die strategische Entwicklung  von Bayer nahe: Der Konzern hat sich gerade erst im vergangenen Jahr wieder auf lebenswissenschaftliche Bereiche - Pharma und Landwirtschaft - ausgerichtet und seine Sparte „Bayer MaterialScience“ ausgelagert und in Covestro umbenannt.

Spekulationen: Monsanto kauft die Agrarchemie der BASF ... oder BASF kauft DuPont?

Falls aus einer Übernahme von Bayer CropScience durch Monsanto nichts wird, hilft vielleicht nur noch ein Blick auf handelsblatt.de: „Mit BASF hätte Monsanto bereits gesprochen - ohne Ergebnis. BASF wiederum, so hieß es in den vergangenen Wochen, habe seinerseits beim Schweizer Pflanzenschutzspezialisten Syngenta wegen einer Übernahme angeklopft. Zugleich hätten die Ludwigshafener Gespräche mit dem US-Chemiekonzern Dupont über einen Zusammenschluss angekündigt.

Die Spekulationen schießen hoch. Fakt ist, dass im überschaubaren Club der sechs großen Agrarchemiehersteller derzeit jeden mit jedem redet.“5

So what?

Die ETC Group betont vor dem Hintergrund der aktuellen Runde der Konzentration des im Agrobusiness unter anderem, dass es nicht der entscheidende Punkt sei, ob die Konzerne schon jetzt ein de facto-Monopol hätten, oder sich erst eine weitere Reduzierung der Anbieter negativ auf - zum Beispiel - den Zugang für Kleinbäuerinnen und -bauern zu Saatgut bemerkbar mache. Jene würden ihr Saatgut sowieso zu etwa 90 Prozent nicht von den Konzernen, sondern aus dem Nachbau und von ihren Nachbarn bekommen.

Jedoch könne sich der Lobby-Einfluss weiter verstärken, wenn weniger Akteure im Spiel seien, und der wirke sich in Bereichen wie Handel, Subventionen, Arbeitsrecht, Patente, Landnutzung, pflanzenhygienische Regulierung und anderem aus. Das treffe die Kleinbäuerinnen und -bauern oft nicht direkt, vielmehr sei deren Benachteiligung eher eine Art von Kollateralschaden.6

Und Monsanto? Monsanto, das Unternehmen, das das Karussell im vergangenen Jahr startete, könnte am Ende der aktuellen Entwicklungen ohne neuen großen Partner oder ohne eine eigene Übernahme als der große Verlierer dastehen.7

 

UPDATE 15. November 2016: Zwei Korrekturen wurden eingefügt: Im drittletzten Absatz muss es „90 Prozent“ statt „70 Prozent“ heißen und in der Fußnote 6 führte der Link www.kurzlink.de/gid235_xx auf eine falsche Seite. www.kurzlink.de/gid235_xx2 ist entsprechend korrigiert.

 

Christof Potthof war bis Ende April 2020 Mitarbeiter im GeN und Redakteur des GID.

zur Artikelübersicht

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
235
vom April 2016
Seite 37 - 38

Nur durch Spenden ermöglicht!

Einige Artikel unserer Zeitschrift sowie unsere Online-Artikel sind sofort für alle kostenlos lesbar. Die intensive Recherche, das Schreiben eigener Artikel und das Redigieren der Artikel externer Autor*innen nehmen viel Zeit in Anspruch. Bitte tragen Sie durch Ihre Spende dazu bei, dass wir unsere vielen digitalen Leser*innen auch in Zukunft aktuell und kritisch über wichtige Entwicklungen im Bereich Biotechnologie informieren können.

Ja, ich spende!  Nein, diesmal nicht