Rezension: Was ist ein lebenswertes Leben?

Es ist eine heikle Frage, die die Autorin Barbara Schmitz beschäftigt: In ihr schwingt der ungeheuerliche Gedanke mit, Leben könne auch unwert sein.
Die habilitierte Philosophin konzentriert sich in ihrem Essay auf drei Kontexte, in denen sich diese Frage aufdränge: Lebensanfang und Pränatale Diagnostik, Alter und Demenz sowie Suizid.
Ausgangspunkt ihres philosophischen Fragens sind individuelle Erfahrungen, auch ihre eigenen als Familienangehörige, die ihre Schwester durch Suizid verlor und als Mutter einer Tochter mit sog. geistiger Behinderung. Ihrer Tochter verdanke sie wichtige Erkenntnisse: dass Philosophie die Erfahrungen von Menschen mit Behinderung und Krankheit ausklammert, dass dies zu der irrigen Annahme beitrug, Vernunftbegabung sei eine Grundvoraussetzung für ein lebenswertes Leben und es gebe objektive Klassifikationskriterien dafür. Sie setzt dagegen: Jeder Mensch könne nur für sich die Frage nach dem lebenswerten Leben beantworten. Keiner habe das Recht, die Antwort eines anderen in Frage zu stellen, wie es Menschen mit Behinderung erleben: Ihre Lebenszufriedenheit wird als idealisierte Behauptung angezweifelt, weil sie zufriedener sind, als gesellschaftliche Normen es vorsehen. „Behinderten-paradox“ nennt das die Forschung. Idealisiert ist für sie das gängige Verständnis von Autonomie als größtmögliche Selbstständigkeit, das Menschen abwertet, die auf Hilfe angewiesen sind. Dem stellt sie eine „soziale“ Autonomie gegenüber, die allen Menschen zukommt und vielfältige Formen annehmen kann.
Ihr Buch schließt mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Hoffnung und gegen organisierte Sterbehilfe – und einem anrührenden Gespräch mit ihrer siebenjährigen Tochter zur Frage: Warum willst Du leben? Ein kluges Buch, sprachlich ansprechend und intellektuell anregend!

➤ Schmitz, B. (2022): Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge. Reclam. Denkraum, 192 Seiten. 16,- Euro. ISBN: 978-3-15-011382-0.

 

GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
262
vom August 2022
Seite 37

Claudia Heinkel ist ehem. Leiterin der Pua-Fachstelle Pränataldiagnostik / Reproduktionsmedizin der Diakonie Württemberg und seit langem engagiert im Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik.

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