Rezension: Diverse Perspektiven auf Corona

Gemeinsam ist den Autor*innen des Sammelbandes die Kritik, der Großteil der linken Bewegung sei in der Coronapandemie in eine Schockstarre verfallen oder hätte falsch reagiert. Doch inhaltlich divergieren die Autor*innen stark. So fordert ein Beitrag „ZeroCovid“, also einen kurzfristigen totalen Shutdown, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. In anderen Texten wird den Vertreter*innen dieser Strategie dagegen vorgeworfen systemstabilisierend und paternalistisch zu agieren. Epidemiologisch sinnvolle Alternativvorschläge für einen Umgang mit dem Virus werden von diesen Autor*innen jedoch leider nicht gemacht. Die Herausgeber*innen grenzen sich zwar im Vorwort klar von „Querdenkern“ ab, doch inhaltlich kommt man sich in einigen Beiträgen bedenklich nahe. Hier und dort wird wissenschaftliche Expertise in Frage gestellt und die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 heruntergeredet. Ein Text enthält z.B. die falsche Behauptung, es gäbe keine pandemiebedingte Übersterblichkeit in Deutschland. Dies macht es schwer, allen Autor*innen „zuzuhören“ und sie „wahrzunehmen“, wie es sich die Herausgeber*innen wünschen. Das ist schade, denn einige Beiträge enthalten lesenswerte Analysen zur unterschiedlichen Betroffenheit von Menschen in der Krise und zur Verstärkung bestehender struktureller Ungleichheiten.

➤ Gerhard Hanloser, Peter Nowak, Anne Seeck (Hg.) (2021): Corona und linke Kritik(un)fähigkeit. Kritisch-solidarische Perspektiven „von unten“ gegen die Alternativlosigkeit „von oben“. Neu-Ulm: AG SPAK Bücher, 239 Seiten, 19,- Euro, ISBN: 978-3-94595-959-6.

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN. Außerdem ist sie Teil der Forschungsgruppe “Human Diversity in the New Life Sciences: Social and Scientific Effects of Biological Differentiations” (SoSciBio) an der Universität Freiburg.

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GID Meta
Erschienen in
GID-Ausgabe
260
vom Februar 2022
Seite 37

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