Vorstoß gegen Stammzellkliniken

Stammzellkliniken bieten Kund*innen vermeintliche Therapien durch Behandlung mit Stammzellen an. Nachdem sich die Fälle von gravierenden Folgeschäden gehäuft haben, greifen nordamerikanische Behörden durch.

Forscher*innen injizieren Stammzellen in Retinas.

Grundlagenforschung mit Stammzellen zur Therapie von Blindheit. Foto: Bryan Jones (CC BY-NC-ND 2.0)

Stammzellen galten lange Zeit als Hoffnungsträger für die Therapie von einer Vielzahl von Erkrankungen. Damit sind unreife Zellen gemeint, die unter bestimmten Umständen in der Lage sind, in unterschiedlichen Gewebetypen auszureifen. In der Theorie sollen sie daher eingesetzt werden können, um krankes Gewebe mit gesundem zu ersetzen. 1998 wurden erstmals menschliche embryonale Stammzellen aus Embryonen isoliert. 2006 gelang es Forscher*innen sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (IPSC) herzustellen – ausgereifte Gewebezellen die durch gentechnische Veränderungen in einen Stammzellstatus (zurück)versetzt wurden. So wie die Transplantation von Blutstammzellen aus dem Knochenmark von gesunden Spender*innen seit den 70er-Jahren die Behandlungen von Leukämien revolutionierte, versprach die Stammzellforschung eine große Palette von Erkrankungen heilbar zu machen. Allerdings haben auch nach über 20 Jahren Forschung nur wenige Therapieansätze die Kliniken erreicht. Noch weniger konnten klinische Studien eine Wirksamkeit bei Patient*innen zeigen. Doch die Vision einer medizinischen Revolution, die in der Hochphase des Stammzellhypes beschworen wurde, wirkt nach wie vor.

Gefährliche Behandlungsfolgen

In der Zwischenzeit hat sich unter Berufung auf die großen Versprechen der Wissenschaft ein unregulierter globaler Markt für Stammzellkliniken entwickelt. Wie ein Fallbericht zeigt, der kürzlich in der Fachzeitschrift der Canadian Medical Association veröffentlicht wurde, liegt die Problematik nicht nur in nicht erfüllbaren Versprechen, mit denen Kund*innen Geld aus der Tasche gezogen wird. Die Behandlungen können zusätzlich sehr gefährliche Folgen haben. In diesem Fall war bei einem 38-jährigen Mann ein gutartiger Tumor in der Wirbelsäule gewachsen, nachdem er 12 Jahre zuvor eine experimentelle Stammzelltherapie erhalten hatte. Eine Stammzellklinik in Portugal hatte ihn für 50.000 US-Dollar mit Stammzellen aus seiner eigenen Nase behandelt, um seinen Wirbelsäulenschaden zu therapieren. Das Ziel sollte die Linderung seiner Schmerzen sein und die Fähigkeit zu Laufen wiederherzustellen, die er Jahre zuvor durch einen Trampolinunfall verloren hatte. Doch stattdessen wurden die Schmerzen stärker und der Betroffene bemerkte einen Funktionsverlust in seinen Armen und seiner Blase.

Wie das Online-Magazin STAT berichtete, handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Eine Reihe weiterer Komplikationen und Todesfälle als Folge von Stammzellbehandlungen sind inzwischen bekannt geworden. Der Bioethiker Leigh Turner von der University of Minnesota wies darauf hin, dass es sich bei der Behandlung in Portugal nicht um eine zwielichtige, obskure Klink gehandelt hatte. Der verantwortliche Arzt hatte seine Arbeit in wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit Peer Review veröffentlicht. Dort berichtete er nach einer offensichtlich zu kurzen Beobachtungszeit nur von geringfügigen Nebenwirkungen der Behandlung. Turner und andere Expert*innen warnen vor einer neuen Strategie von Stammzellkliniken: Immer häufiger benutzten sie das internationale Klinikregister clinicaltrials.gov, um für ihre Behandlungen zu werben und ihnen einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen.

Nordamerikanische Behörden greifen durch

Nachdem die Kliniken lange relativ ungestört ihr pseudowissenschaftliches Unwesen treiben konnten, wird der Gegenwind, zumindest in den USA und Kanada, nun stärker. Letztes Jahr gingen die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA und das Justizministerium mit einer Unterlassungsklage gegen mehrere Klinikketten vor. Der Vorstoß wurde mit der Gefährdung von Kund*innen durch Verstöße gegen Produktionsrichtlinien von Zellprodukten begründet. Bei einer Behandlung durch eine der beklagten Kliniken, U.S. Stem Cell, erblindeten 2015 drei Frauen. Ihnen waren Stammzellen, die aus ihrem eigenen Fettgewebe gewonnen worden waren, in die Augen gespritzt worden. Health Canada, eine Behörde des kanadischen Gesundheitsministeriums, ordnete Anfang Juli dieses Jahres an, dass drei dutzend Stammzellkliniken ihre Behandlungen unterlassen müssten, bei denen Kund*innen mit eigenen Zellen injiziert werden. Die Kliniken bieten „Therapien“ für eine Reihe von Erkrankungen von Herzproblemen bis Autoimmunerkrankungen und Haarausfall an.

Dem Schritt der kanadischen Gesundheitsbehörde gingen Appelle aus der Wissenschaft voraus, gegen die Stammzellkliniken vorzugehen. Der wissenschaftliche Leiter des kanadischen Stem Cell Networks, einer Stammzellforschungsorganisation, kommentierte ihn gegenüber der Zeitung The Globe and Mail als längst überfällig. Auch der Rechtswissenschaftler Timothy Caulfield von der University of Alberta, begrüßte das Verbot der Stammzellbehandlungen. Er hatte vor zwei Jahren gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen einen dringenden „Call to Action“gegen das Marketing der Stammzellkliniken an die staatlichen Behörden gerichtet. Trotz der Behauptungen der Kliniken gäbe es keine verlässlichen wissenschaftlichen Beweise für eine medizinische Wirksamkeit. Er ordnete das Problem der Stammzellkliniken einem wachsenden Trend zu, bei dem  Unternehmen ungeprüfte medizinische Behandlungen mithilfe von Sprache aus der Wissenschaft bewerben. „Wir müssen aggressiver dabei sein, diese Entwicklung zurückzudrängen“ so Caulfield „Nur weil es 'science-ey' (wissenschaftlich, IB) klingt heißt es nicht, dass es funktioniert.“

 

 

Isabelle Bartram ist Molekularbiologin und Mitarbeiterin des GeN.

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23. Juli 2019

Stammzellkliniken in Deutschland

Auch auf dem deutschen Markt versuchen es Stammzellkliniken: Das Xcell-Center in Düsseldorf bot von 2007 bis 2011 Behandlungen mit Stammzellen an. Dann musste es nach einer entsprechenden Untersagungsverfügung des NRW-Gesundheitsministeriums und der Bezirksregierung Köln seine Arbeit einstellen. Bis zu 26.000 Euro zahlten die Kund*innen für eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen. Möglich war dies aufgrund einer Lücke im Arzneimittelgesetz, aufgrund derer „biotechnologisch bearbeitete Gewebeprodukte“ bis zum Januar 2011 auch ohne Genehmigung auf den Markt gebracht werden durften. Erst seit Ende 2012 gilt nach einer Übergangsfrist die Zulassungspflicht bei der Europäischen Zulassungsbehörde EMA. Die Klinik geriet in die Schlagzeilen, weil ein 18 Monate alter Junge starb, nachdem ihm Stammzellen ins Gehirn gespritzt worden waren. Zudem verschlechterte sich der Zustand eines Zehnjährigen infolge der Behandlung. Doch das Ende von deutschen Stammzelltherapien war die Schließung des Xcell-Centers noch nicht: Im Folgejahr berichtete Spiegel Online von der Elisees Privatklinik in Bad Godesberg, die einer Kundin für 24.000 Euro eine Stammzellbehandlung anbot. Die Klinik in Deutschland ist seit Anfang 2013 geschlossen, aber auf der englischsprachigen Seite der Elisees Stemcell Clinic wird für Behandlungen in Argentinien und Thailand geworben.